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Berufsausbildung: Ein Auslandsaufenthalt lohnt sich

Immer mehr Auszubildende verbringen einen Teil ihrer Lehrzeit im Ausland. Damit verbessern sie sowohl ihre Fremdsprachen- und Fachkenntnisse als auch ihre künftigen Karrierechancen. Betriebe, die ihren Azubis den Weg in die Ferne öffnen, erhoffen sich dadurch Vorteile im Wettbewerb um den knappen Fachkräftenachwuchs.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2017 haben gut 5 Prozent aller Auszubildenden einen Auslandsaufenthalt absolviert.
  • Genutzt wird dafür in aller Regel das EU-Programm „Erasmus+“, das beliebteste Zielland ist aus sprachlichen Gründen Großbritannien.
  • Auslandsaufenthalte stärken zudem die Persönlichkeit, wie auch Unternehmen bestätigen. Deshalb ist es bedenklich, dass solche Auslandsphasen immer öfter weniger als eine Woche dauern.
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Seit Jahrhunderten gehen Handwerksgesellen auf Wanderschaft, die sogenannte Walz, um andere Regionen und Kulturen kennenzulernen und sich neue Fertigkeiten in ihrem Fach anzueignen. Doch schon während der Ausbildung nutzen – nicht nur im Handwerk – immer mehr junge Leute die Möglichkeit, mal über den Tellerrand zu schauen und eine Zeit im Ausland zu verbringen. Eine Studie des Umfragezentrums Bonn nennt Zahlen: Im Jahr 2017 haben fast 31.000 Auszubildende während ihrer Berufsausbildung einen Auslandsaufenthalt absolviert – das waren 5,3 Prozent aller Azubis. Eine ähnliche Studie der WSF Wirtschafts- und Sozialforschung ergab für 2009 nur einen Anteil von 3 Prozent. Am häufigsten wagten im Jahr 2017 die Auszubildenden in den Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologie den Sprung ins Ausland – immerhin 11 Prozent. Überdurchschnittlich hoch war der Anteil auch bei den Azubis im Bereich Unternehmensführung/-organisation (10 Prozent), in den Einkaufs-, Vertriebs- und Handelsberufen (7,6 Prozent) sowie im Finanz- und Steuerwesen, in der Verkehrs- und Logistikbranche sowie in den Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen mit jeweils rund 7 Prozent.

Die meisten Azubis entscheiden sich für ein Teilnehmerland des Programms „Erasmus+“, mit dem die Europäische Union die Mobilität fördert.

Die allermeisten Azubis, die ins Ausland gehen – 92 Prozent –, entscheiden sich für ein Teilnehmerland des Programms „Erasmus+“, mit dem die Europäische Union die Mobilität zu Lernzwecken fördert. Und immerhin 48 Prozent aller Auslandsaufenthalte finden tatsächlich im Rahmen von „Erasmus+“ statt und werden darüber zumindest zum Teil finanziert. Damit sparen die Auszubildenden nicht nur Geld, die Reise in die einbezogenen Länder – die EU-Staaten plus Island, Liechtenstein, Mazedonien, Norwegen und die Türkei – ist aufgrund der gewachsenen Erasmus-Strukturen sowie der langjährigen Projektpartner auch relativ einfach zu organisieren. Zudem gewährleisten die Erasmus-Programme, dass bestimmte Qualitätsstandards eingehalten werden. Sind finanzielle und organisatorische Fragen geklärt, wählen die Fachkräfte von morgen offenbar am liebsten ein Land, von dem sie hoffen, dass ein Aufenthalt dort ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessert. Jedenfalls zieht es rund die Hälfte der Azubis, die ins Ausland gehen, in eines jener Länder, in denen die gängigen Fremdsprachen Englisch oder Französisch dominieren (Grafik ): Allein 25 Prozent der Auszubildenden aus Deutschland, die 2017 eine Zeit im Ausland verbracht haben, gingen ins Vereinigte Königreich. In diesen Ländern absolvierten Auszubildende aus Deutschland im Jahr 2017 ihre Auslandsaufenthalte Bleibt die Frage, ob die Auslandsaufenthalte tatsächlich zur Verbesserung von Sprachkenntnissen beitragen und ob sie den Azubis darüber hinaus noch etwas bringen.

Was ein Auslandsaufenthalt für Azubis bringt

Auch dies hat das Umfragezentrum Bonn untersucht – mit eindeutigen Ergebnissen. Die Nachwuchskräfte selbst und noch mehr die ausbildenden Betriebe fällen ein grundlegend positives Urteil (Grafik): Ein Auslandsaufenthalt verbessert nicht nur die Fremdsprachenkenntnisse der Azubis, es stärkt in hohem Maße auch ihr Selbstvertrauen und ihre Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten. So bewerteten deutsche Auszubildende und ihre Arbeitgeber den Nutzen eines Auslandsaufenthalts Nicht ganz so deutlich, aber immer noch positiv wirkt sich die Zeit im Ausland auf das berufliche Know-how der jungen Leute aus – etwa auf die Fähigkeit, neue Aufgaben zu bewältigen. Und auch längerfristig kann sich ein Auslandsaufenthalt als vorteilhaft erweisen: Zumindest die Arbeitgeber sind in hohem Maße davon überzeugt, dass ihre Nachwuchskräfte aufgrund der Auslandserfahrung bei späteren Bewerbungen bessere Chancen haben.

Kurztrips von einer Woche und weniger verbessern weder die sprachlichen noch die fachlichen und persönlichen Kompetenzen nennenswert.

Welche Wirkung ein Aufenthalt im Ausland am Ende hat, dürfte allerdings erheblich von seiner Dauer abhängen. Insofern ist es bedenklich, dass der Anteil der sehr kurzen Auslandsphasen zuletzt deutlich gestiegen ist (Grafik): Im Jahr 2017 blieb jeder dritte Auszubildende, der einen Auslandsaufenthalt absolvierte, maximal eine Woche dort – 2009 traf dies erst auf 13 Prozent zu. Dauer von Auslandsaufenthalten während der Berufsausbildung Solche Kurztrips dürften weder die sprachlichen noch die fachlichen und persönlichen Kompetenzen nennenswert verbessern. Meist geht es bei diesen kurzen Aufenthalten um Messeteilnahmen, Montageeinsätze oder Kundenbesuche. Diese bereichern die Ausbildung im Heimatbetrieb zweifellos – überzogene Erwartungen sollte man an solche Abstecher aber nicht haben. Auslandsaufenthalte im Rahmen von „Erasmus+“ dauern dagegen mindestens drei Wochen, sonst wären die vorgesehenen Ziele wie der „Erwerb internationaler Berufskompetenzen“ gar nicht erreichbar. Unterm Strich erweist es sich in jedem Fall als sinnvoll, die grenzüberschreitende Mobilität von Azubis weiter zu fördern – sei es durch öffentliche Programme oder durch betriebliche Aktivitäten. Für die Unternehmen lohnt sich ein entsprechendes Engagement nicht nur deshalb, weil die Auszubildenden oft schlauer und motivierter aus dem Ausland zurückkehren. Die Betriebe, die die Mobilität ihrer Azubis bereits fördern, sind auch durchweg der Meinung, dass sie damit gegenüber anderen Firmen einen Vorteil bei der Nachwuchssuche haben – in Zeiten des harten Wettbewerbs um knappe Fachkräfte ein überzeugendes Argument. Weitere Infos in der Studie
Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Auslandsaufenthalte in der Berufsausbildung 2017

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