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Befristung als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt

Die Koalitionsparteien haben vereinbart, die befristete Beschäftigung gesetzlich einzuschränken. Was als vermeintlicher Zugewinn an Sicherheit für die Arbeitnehmer daherkommt, entpuppt sich faktisch als Bremsklotz für den Arbeitsmarkt. Verlierer wären vor allem junge Menschen und Arbeitslose.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Pläne der Bundesregierung, Befristungen einzuschränken, sind für Arbeitnehmer kein Grund zur Freude.
  • Ein befristetes Arbeitsverhältnis ist vor allem für Einsteiger und Wiedereinsteiger eine gute Möglichkeit, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
  • Befristet Beschäftigte verharren nicht jahrelang in einer unsicheren Lage, wie die Statistik zeigt: Von jenen, die 2012 bis 2016 eine befristete Stelle angenommen hatten, waren nach zwei Jahren 50 Prozent in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen worden.
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Die Regierungsparteien wollen die sachgrundlose Befristung – also die Befristung ohne genau definierten Grund – in Unternehmen mit mehr als 75 Mitarbeitern auf 2,5 Prozent der Belegschaft begrenzen und die maximale Dauer von heute 24 auf 18 Monate verkürzen. Generell sollen alle Befristungen, also auch die sachlich begründeten, nur noch möglich sein, wenn der Arbeitnehmer vorher höchstens fünf Jahre befristet oder unbefristet im Unternehmen beschäftigt war. All das soll den „Missbrauch“ von Befristungen und Kettenbefristungen verhindern. Für die Betroffenen – die Unternehmen und die Arbeitnehmer – sind die Pläne keine gute Nachricht. Aus unternehmerischer Sicht ist die flexible Beschäftigung vor allem deshalb nötig und wichtig, weil die unbefristete Beschäftigung im Fall der Fälle – also bei Entlassungen – aufgrund des strengen Kündigungsschutzes hohe Kosten verursacht. Außerdem nutzen die Betriebe die Befristung, um künftige Mitarbeiter besser kennenzulernen und einschätzen zu können.

Befristungen häufig bei jungen Arbeitnehmern

Um zu verstehen, warum die Koalitionspläne auch für die Arbeitnehmer kein Grund zur Freude sind, muss man sich ansehen, wer von einer Befristung betroffen ist – also wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Befristung in Abhängigkeit von Erwerbsstatus, Alter und Qualifikation ist. Das Ergebnis: Die mit Abstand höchste Wahrscheinlichkeit, eine befristete Stelle zu bekommen, haben mit 22 Prozent junge Arbeitnehmer bis zu 30 Jahren. Auf Platz zwei stehen mit knapp 15 Prozent geringfügig Beschäftigte und auf Platz drei mit fast 13 Prozent jene ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Auch der Umkehrschluss gilt: Vollzeitbeschäftigte, ältere Arbeitnehmer und solche mit abgeschlossener Berufsausbildung sind eher selten in einer befristeten Beschäftigung. Neben Erwerbsstatus, Alter und Qualifikation beeinflussen auch andere Kriterien die Wahrscheinlichkeit einer Befristung. Relativ hoch ist sie zum Beispiel bei Menschen mit direktem Migrationshintergrund (gut 12 Prozent), Beschäftigten in Unternehmen mit 200 bis 2.000 Mitarbeitern (fast 14 Prozent) sowie Arbeitnehmern im Bereich Erziehung und Unterricht (rund 18 Prozent).

Ein befristetes Arbeitsverhältnis ist vor allem für Einsteiger und Wiedereinsteiger eine gute Möglichkeit, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Diese eher theoretischen Zusammenhänge bestätigen sich auch in der Praxis. Schaut man sich nämlich an, welche Merkmale Arbeitnehmer, die eine Beschäftigung aufgenommen haben, im Jahr davor aufwiesen, dann zeigen sich dieselben eindeutigen Zusammenhänge: Arbeitnehmer, die einen befristeten Job antreten, waren zuvor deutlich häufiger in schulischer, universitärer oder beruflicher Ausbildung – und waren somit meist noch jung – als solche, die eine unbefristete Stelle aufgenommen haben. Auch bei den zuvor Arbeitslosen ist das Muster eindeutig (Grafik): 17 Prozent der Arbeitnehmer, die in den Jahren 2012 bis 2016 eine befristete Beschäftigung aufgenommen haben, waren zuvor arbeitslos – bei den Neueinsteigern in einen unbefristeten Job betrug der Anteil nur 11 Prozent. Vorheriger Erwerbsstatus, Berufsausbildung und Alter von Menschen, die 2012 bis 2016 eine neue Beschäftigung aufgenommen haben Diese Ergebnisse bestätigen die These, dass ein befristetes Arbeitsverhältnis vor allem für Einsteiger und Wiedereinsteiger eine gute Möglichkeit ist, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Nun ist der Einstieg oder Wiedereinstieg ins Berufsleben über eine Befristung das eine – etwas anderes ist die Frage, ob sich diese Beschäftigten dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt behaupten können. Offenbar gelingt dies vielen sehr gut. Denn schaut man sich an, was aus jenen Arbeitnehmern geworden ist, die 2012 bis 2016 eine befristete Beschäftigung aufgenommen haben, dann zeigt sich: Befristete Jobs lassen die Menschen nicht jahrelang in einer unsicheren Lage verharren, sondern erfüllen sehr wohl ihre Funktion als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt (Grafik): Von denen, die 2012 bis 2016 eine befristete Stelle angenommen haben, waren nach einem Jahr 38 Prozent, nach zwei Jahren 50 Prozent und nach drei Jahren bereits 56 Prozent in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen worden oder selbstständig. Spätere Beschäftigungsverhältnisse von Menschen, die in den Jahren 2012 bis 2016 befristet beschäftigt waren

Regulierung könnte negative Folgen haben

Die IW-Studie ist auch der Frage nachgegangen, ob es für den Einzelnen finanziell besser ist, eine befristete Beschäftigung aufzunehmen oder lieber auf eine passende unbefristete Stelle zu warten. Dazu wurden jene Menschen betrachtet, die entweder nicht erwerbstätig oder arbeitslos waren und im Folgejahr einer befristeten Beschäftigung nachgingen – ausgenommen Auszubildende und Teilnehmer an 1-Euro-Jobs. Das Ergebnis: Wer ein befristetes Arbeitsverhältnis angenommen hat, hatte schon nach drei Jahren ein um 32.000 Euro höheres Einkommen als jemand, der auf eine unbefristete Stelle wartete. Das widerlegt die These, befristete Jobs würden nur aus der Not heraus aufgenommen und verhinderten, nach längerer Suche einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit besseren Konditionen zu ergattern. Mit einer restriktiveren Regulierung von befristeten Arbeitsverträgen lassen sich also die Unsicherheiten der Arbeitnehmer nicht verringern – vielmehr ist sogar das Gegenteil zu befürchten. Denn die von den Regierungsparteien geplanten Verschärfungen könnten dazu führen, dass die Unternehmen verstärkt auf andere Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit sowie Werk- und Dienstverträge ausweichen oder sich gar mit Einstellungen zurückhalten. Den Arbeitsuchenden stünden dann weniger Jobangebote zur Verfügung.

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