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Wohin steuert das Ruhrgebiet?

Der größte deutsche Ballungsraum hat viele Probleme, und das bereits seit Jahrzehnten. Gleichwohl kann das Ruhrgebiet in manchen Bereichen punkten – etwa mit seiner zentralen Lage im Herzen Europas und einer starken Hochschullandschaft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Ruhrgebiet kämpft inzwischen seit sechzig Jahren mit dem Strukturwandel – und meistert ihn eher schlecht: Die Wirtschaftsleistung je Einwohner ist weit niedriger als in anderen Metropolregionen, die Arbeitslosigkeit spürbar höher.
  • Problematisch ist auch die schlechte Finanzkraft der Kommunen: Sie hat vielerorts zur Folge, dass die Infrastruktur verfällt.
  • Stärken, aus denen das Ruhrgebiet dringend mehr machen muss, sind seine vielen guten Hochschulen und das vergleichsweise große Angebot an Fachkräften.
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Drei Tage vor Weihnachten ist Schluss. Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 21. Dezember 2018 im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel ein Stück Steinkohle in den Händen hält, ist dies der symbolische Akt für das Ende einer Ära. Dann schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Und wieder werden sich alle fragen: Wie geht es weiter?

Die Frage ist alles andere als neu. Denn das Ruhrgebiet kämpft seit der ersten Bergbaukrise Ende der 1950er Jahre um seine Zukunft. Seitdem wurden umfangreiche wirtschaftspolitische Initiativen und strukturpolitische Programme aufgelegt, um der einst führenden Industrieregion Europas neue Chancen zu eröffnen. Wirklich gefruchtet haben all diese Bemühungen allerdings nicht, wie eine IW-Studie zeigt. Denn bei vielen Wirtschaftsindikatoren liegen die Werte deutlich unter denen anderer deutscher Ballungsräume (Grafik):

Im Jahr 2016 betrug das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Ruhrgebiet 32.500 Euro – im Großraum München war es fast doppelt so hoch. Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in den größten deutschen Metropolregionen

Die Schwächen des Ruhrgebiets

Die Ursachen für die unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft sind vielfältig, wobei sich ein Hauptproblem zeigt: Zu lange hat man im Ruhrgebiet auf Strukturkonservierung statt auf Innovationen gesetzt. Die wichtigsten Kennzahlen:

Die Einwohnerzahl ist zwischen 2000 und 2015 um fast 5 Prozent auf 5,1 Millionen gefallen. Im Ruhrgebiet leben also immer weniger Menschen, während andere Metropolregionen und Großstädte steigende Bevölkerungszahlen verzeichnen.

Die Arbeitslosigkeit ist in vielen Städten und Kreisen überdurchschnittlich hoch (Grafik):

In fünf großen Ruhrgebietsstädten lag die Arbeitslosenquote im September 2018 über der 10-Prozent-Marke, am höchsten war sie mit 12,7 Prozent in Gelsenkirchen. Arbeitslosenquoten im Ruhrgebiet

Zwar zeichnet sich auch für das Ruhrgebiet aktuell eine positive Entwicklung am Arbeitsmarkt ab, doch andere Regionen können ihre überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit deutlich schneller abbauen.

Auch die Akademikerdichte ist im Ruhrgebiet erheblich niedriger als in anderen Metropolregionen (Grafik). Der Region fehlen vor allem Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung. Anteil der Arbeitskräfte mit  Hochschul- oder Meisterabschluss im Regionalvergleich

Die Gründungsaktivitäten sind ebenfalls relativ gering. Im Jahr 2016 verzeichneten die sieben deutschen Metropolregionen im Schnitt rund 40 Gewerbeanmeldungen je 10.000 Einwohner im erwerbsfähigen Alter, das Ruhrgebiet erreichte nur 30.

In die Infrastruktur des Ruhrgebiets haben Bund, Land und Kommunen jahrzehntelang zu wenig investiert. Zwar verfügt die Region über das dichteste Autobahn- und Schienennetz Deutschlands, doch viele Straßen, Brücken und Bahnstrecken sind in einem schlechten Zustand. Zudem ist die Infrastruktur oftmals unterdimensioniert, weil in den vergangenen Jahrzehnten Investitionen des Bundes und Regionalfördermittel vorrangig in die ostdeutschen Bundesländer geflossen sind.

Die kommunale Finanzkraft der meisten Ruhrgebietskommunen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr schlecht entwickelt. Viele Städte sind überschuldet und haben keinen finanziellen Spielraum für dringend notwendige Investitionen. Im Jahr 2015 betrug die Steuerkraft der Ruhrgebietskommunen 692 Euro je Einwohner – der Durchschnittswert der sieben Metropolregionen betrug 1.034 Euro.

Die Stärken des Ruhrgebiets

In einigen Bereichen kann das Ruhrgebiet allerdings durchaus punkten. Während viele Städte und Regionen in Deutschland einen steigenden Fachkräftemangel verzeichnen, ist es für Unternehmen in den Arbeitsagenturbezirken Essen, Gelsenkirchen, Bottrop, Hamm, Recklinghausen und Bochum noch relativ leicht, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.

Außergewöhnlich ist auch die Hochschullandschaft im Ruhrgebiet: Es gibt insgesamt 22 Hochschulen sowie mehr als 60 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Diese dichte und vielfältige Forschungslandschaft trägt maßgeblich zur Bewältigung des Strukturwandels bei, doch die Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft könnten noch ausgebaut werden; ebenso die Ausgründungen von Start-ups aus den Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Außergewöhnlich ist die Hochschullandschaft im Ruhrgebiet: Es gibt insgesamt 22 Hochschulen sowie mehr als 60 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

Die Digitalisierung ist ebenfalls ein wichtiger Standortfaktor, da Informations- und Kommunikationstechnologien die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität von Unternehmen und Verwaltungen steigern. Das Ruhrgebiet kann zwar beim Digitalisierungsgrad der Unternehmen nicht ganz mit den führenden deutschen Großstädten mithalten, doch immerhin schneidet es beim IW-Digitalindex um 17 Prozentpunkte besser ab als der landesweite Durchschnitt. Auch beim Ausbau der digitalen Netze steht das Ruhrgebiet recht gut da.

Diese Vorzüge sowie die Tatsache, dass das Ruhrgebiet als größter deutscher Ballungsraum verkehrsgünstig im westlichen Mitteleuropa liegt, müssten künftig stärker ins Licht gerückt und genutzt werden. Um darüber hinaus die teils überschuldeten Ruhrgebietskommunen wieder handlungsfähig zu machen, könnte das Land Nordrhein-Westfalen nach dem Vorbild der Hessenkasse ein Entschuldungsprogramm mit Investitionsauflagen einrichten.

Der Anfang für etwas Neues ist jedenfalls gemacht: Die Landesregierung in Düsseldorf hat vor Kurzem eine Ruhr-Konferenz gestartet, die der Region nach dem Ende des Steinkohlebergbaus neue Impulse geben soll.

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