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Sehnsuchtsfach Wirtschaft

Obwohl sich eine Mehrheit der Bundesbürger seit Jahren dafür ausspricht, kommt das Schulfach Ökonomie nur langsam voran. Bisher hat lediglich Baden-Württemberg an allen allgemeinbildenden Schulen ein Pflichtfach Wirtschaft eingeführt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Mehrheit der Bevölkerung ist der Auffassung, dass Wirtschaft ein eigenständiges Schulfach in Deutschland sein sollte.
  • In der Regel werden ökonomische Inhalte im Rahmen anderer Fächer unterrichtet, zum Beispiel als „Politik, Gesellschaft, Wirtschaft“ oder „Wirtschaft und Recht“.
  • Bislang hat lediglich Baden-Württemberg ein eigenständiges Pflichtfach Wirtschaft eingeführt.
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Es ist paradox: Die meisten Menschen in Deutschland sind zwar davon überzeugt, ein gutes oder sogar sehr gutes Wissen rund um die Themen Geld und persönliche Finanzen zu haben, bei genauerer Nachfrage offenbaren sich allerdings große Lücken. Dies zeigt eine Umfrage der Targobank Stiftung unter rund 1.000 Personen in zehn großen Ruhrgebietsstädten (Grafik):

Mehr als jeder Zweite kennt sich nur unzureichend mit Aktien, Anleihen und Fonds aus, auch über Immobilienfinanzierungen fühlen sich vier von zehn Befragten schlecht informiert.

So viel Prozent der Befragten fühlen sich in wirtschaftlichen Themengebieten wie Geldanlage, Kredite oder Versicherungen schlecht informiert

Wissensdefizite gibt es auch rund um die Themen Altersvorsorge und Sparen. Wesentlich besser schätzen die Befragten ihre Kenntnisse zum Digital-Banking und zum klassischen Zahlungsverkehr ein. Unter dem Strich aber bleiben große Lücken:

Lediglich 15 Prozent der Befragten halten sich in allen betrachteten Finanzbereichen für ausreichend informiert.

Kein Wunder also, dass sich seit vielen Jahren eine Mehrheit der Bevölkerung – übrigens auch der Jugendlichen selbst – für ein Schulfach Wirtschaft ausspricht. Im Ruhrgebiet befürworten 55 Prozent der Menschen ein solches Schulfach und 93 Prozent sind der Auffassung, dass ökonomische und finanzielle Themen verstärkt an Schulen unterrichtet werden sollten (Grafik). Nur 7 Prozent der Befragten finden, dass es keiner Ausweitung wirtschaftlicher Inhalte an den Schulen bedarf.

93 Prozent der Befragten finden, dass ökonomische und finanzielle Themen verstärkt an Schulen unterrichtet werden sollten.

Wie aber sieht es an den Schulen derzeit überhaupt aus? Bislang existiert ein eigenständiges Pflichtfach Wirtschaft nur an allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg – und zwar ab Klasse 7 beziehungsweise an Gymnasien ab Klasse 8. In Nordrhein-Westfalen soll es nach diesem Vorbild zwar möglichst bald eingeführt werden, doch vor dem Schuljahr 2019/2020 ist der Start nicht realistisch.

So viel Prozent der Befragten finden, dass ökonomische und finanzielle Themen stärker als bisher an Schulen unterrichtet werden sollen

Wirtschaft wird meist als Mischfach unterrichtet

In den meisten Bundesländern wird Wirtschaft nicht flächendeckend und nur im Rahmen anderer Fächer oder als Mischfach unterrichtet, in Hamburg beispielsweise als „Politik, Gesellschaft, Wirtschaft“, in NRW als „Politik, Wirtschaft“ an Gymnasien und als „Wirtschaft und Recht“ an den Gymnasien in Bayern und Thüringen. In Niedersachsen firmiert es allein an den Ober- und Realschulen als Fach „Wirtschaft“, so wie auch in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe in Mecklenburg-Vorpommern.

Bundesweit gibt es rund 40 Schulfächer, in denen Wirtschaftsfragen in irgendeiner Form vorkommen.

Dabei gilt die Schule als erste Wahl für die Vermittlung wirtschaftlicher Inhalte. Auf die Frage, wer eigentlich für finanzielle Bildung zuständig ist, sahen 74 Prozent der Befragten die Schule in der Pflicht. Erst auf Platz zwei folgen die Eltern (53 Prozent) und auf Platz drei die Banken und Sparkassen (42 Prozent). Auf die Medien (27 Prozent) sowie auf das Internet (25 Prozent) setzen in puncto finanzielle Bildung vergleichsweise wenige.

Die Schulen selbst sind für die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft allerdings nur begrenzt gerüstet – denn nur wenige Lehrer haben ökonomische Fächer studiert. So legten von den knapp 44.000 Lehramtsabsolventen (Bachelor und Master) im Jahr 2016 in Deutschland nur rund 1.100 ihre Prüfung in einem wirtschaftswissenschaftlichen Fach ab – das sind nicht mal 3 Prozent der Absolventen. Bis es genügend Absolventen des Lehramts Wirtschaftswissenschaften für ein eigenständiges Fach Wirtschaft gibt, dürften also noch viele Jahre vergehen. Einige Schulen holen sich wohl auch deshalb die Expertise ins Haus: Auf Schüler zugeschnittene Projekte wie „business@school“ der Boston Consulting Gruppe, Jugend gründet oder die Schülerfirmenprogramme der IW JUNIOR erfreuen sich an den weiterführenden Schulen großer Beliebtheit.

Einige Schulen setzen auf ehrenamtliche Wirtschaftstrainer

Externe Experten wirken auch beim Projekt „Fit für die Wirtschaft“ mit, das von IW JUNIOR und der Targobank Stiftung getragen wird. Hier entwickeln ehrenamtliche Wirtschaftstrainer der Bank zusammen mit Lehrern die Unterrichtsstunden im Rahmen eines einzelnen Projekts – etwa um ökonomische Grundbegriffe zu erklären, den Traumberuf zu finden oder den Umgang mit Geld zu lernen. An dem Projekt für Acht-und Neuntklässler haben seit dem Start vor 15 Jahren mehr als 50.000 Schüler teilgenommen.

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