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Risikofaktor China

China hat sein Wachstum in den vergangenen Jahren stark auf Krediten aufgebaut. Das birgt Risiken – nicht nur für die Volksrepublik. Wie sich ein schwächelndes China auf die Weltwirtschaft auswirken würde, hat das Institut der deutschen Wirtschaft mittels einer Simulation berechnet.

Kernaussagen in Kürze:
  • China hat sein Wachstum in den vergangenen Jahren vor allem mit vielen kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen erkauft. Deshalb sind der Staat, die Unternehmen und die privaten Haushalte zusammen hoch verschuldet.
  • Mehr als die Hälfte der privaten Schulden sind Hypotheken. Es mehren sich die Anzeichen für eine Immobilienblase.
  • Falls die chinesische Wirtschaftsleistung bis 2028 jährlich um 3 Prozentpunkte weniger wächst als derzeit erwartet, würde der Zuwachs der Weltwirtschaft um 8 Prozentpunkte niedriger ausfallen.
Zur detaillierten Fassung

Auf der Liste der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften war China zu Beginn des Jahrtausends mit zweistelligen Werten regelmäßig in der Spitzengruppe vertreten. Doch seit dem Jahr 2010 geht es für die Volksrepublik deutlich langsamer vorwärts, wenn auch immer noch mit Wachstumsraten von mehr als 6 Prozent. Ursachen für den stockenden Aufschwung sind unter anderem die schwächelnde Binnennachfrage, rückläufige Exportaufträge und der Handelsstreit mit den USA. Ein weiteres Problem für China: Das Wachstum nach der weltweiten Finanzkrise 2009 wurde quasi mit vielen kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen erkauft. Die Folge: Zahlreiche chinesische Banken – vor allem staatliche – haben einen hohen Anteil notleidender Kredite in ihren Büchern. Doch nicht nur der Finanzsektor steht unter Druck. Die gesamtwirtschaftliche Verschuldung – also die Summe aus Staatsschulden, Unternehmensschulden und Schulden der Haushalte – ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und beträgt aktuell rund 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Sie liegt damit auf einem ähnlichen Niveau wie in den USA und deutlich über der deutschen. Besonders hoch sind die chinesischen Unternehmen verschuldet (Grafik): Die nichtfinanziellen Unternehmen stehen mit 153 Prozent des BIP in der Kreide. Verschuldung in Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2018 Die Regierung in Peking hat dieses Problem schon 2015 erkannt und versucht, gegenzusteuern – bislang mit mäßigem Erfolg.

In China nimmt das Risiko zu, dass die Immobilienblase wächst und letztlich platzt. Das hätte auch starke Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Ähnlich schlecht läuft es bei den privaten Haushalten. Jahrelang hat der Staat ihnen freizügig Kredite gewährt, um so die Inlandsnachfrage anzukurbeln. Diese Politik hat dazu geführt, dass die Verschuldung der privaten Haushalte von knapp 18,5 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf fast 52 Prozent im Jahr 2018 gestiegen ist. Mehr als die Hälfte dieser Schulden sind Hypotheken. Zwar haben die Immobilienkredite zunächst zur Erholung und dann zum Aufschwung des Wohnungsmarktes beigetragen, doch nun werden sie zu einer Belastung – es mehren sich die Anzeichen für eine Immobilienblase. Vor allem in den größeren Städten verteuern sich Immobilien stark und die steigenden Preise gehen mit höheren Baukosten und Kreditaufnahmen einher. Deshalb nimmt das Risiko zu, dass die Blase wächst und letztlich platzt. Die Regierung steckt dabei in einem Dilemma: Entweder pumpt sie weiter Geld in den Immobiliensektor und nährt damit die Blase, oder sie zieht sich zurück und nimmt ein geringeres BIP-Wachstum in Kauf.

Handelskonflikt mit den USA

Ein zusätzliches Problem für China ist der eskalierende Handelskonflikt mit den USA: Das Wachstum der chinesischen Exporte hat sich im ersten Quartal 2019 unerwartet stark verringert. Laut Zollangaben legten die Ausfuhren gegenüber dem Vorjahresquartal nur um knapp 1 Prozent zu. Die Importe sanken im Jahresvergleich sogar um rund 3 Prozent. Nun will Peking die Binnennachfrage und die Exporte wieder ankurbeln – unter anderem mit Steuersenkungen (Mehrwert- und Einkommensteuer), Gebührensenkungen, Steuerrabatten für Ausfuhren, Zollsenkungen, einem besseren Zugang zu Krediten vor allem für kleine Betriebe und – wieder einmal – durch Infrastrukturinvestitionen. Wie effektiv diese Maßnahmen sein werden, ist unklar, da ein Großteil der zusätzlichen Mittel in ineffiziente staatliche Unternehmen und nicht in private Unternehmen fließt. Sollte China in eine ernste Krise geraten, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat dies mithilfe des Global Economic Model von Oxford Economics in einer Simulation berechnet (Grafik): Wenn das chinesische BIP bis 2028 real jährlich um 1 Prozentpunkt weniger wächst als derzeit angenommen, würde das Wachstum des weltweiten BIP um insgesamt 2,8 Prozentpunkte geringer ausfallen. Auswirkungen eines geringeren chinesischen Wirtschaftswachstums auf das weltweite Bruttoinlandsprodukt In absoluten Zahlen gerechnet würde das Einbußen von fast 2 Billionen Euro im Jahr 2028 bedeuten. Falls Chinas Wachstum sogar um 3 Prozentpunkte einbricht, würde der Zuwachs der Weltwirtschaft bis 2028 um 8 Prozentpunkte verringert. Das entspräche Einbußen von gut5,7 Billionen Euro.

Chinas Schwäche würde Deutschland treffen

Auch Deutschland würde die Schwäche Chinas spüren. Schließlich ist die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner Pekings in Europa. Umgekehrt ist China noch vor den USA das Partnerland Nummer eins für deutsche Unternehmen. So würde eine Wachstumsverlangsamung Chinas um 3 Prozentpunkte dazu führen, dass die BIP-Wachstumsrate in Deutschland im Jahr 2020 um 0,1 Prozentpunkte sinkt. Dieser – auf den ersten Blick geringe – Effekt würde sich im Laufe der Zeit verstärken: Laut IW-Modellrechnung wäre der Wachstumsverlust im Jahr 2028 dreimal so groß und entspräche einem Minus von 36,5 Milliarden Euro. Im Moment sind dies alles Gedankenspiele. Doch die wirtschaftlichen Daten Chinas und die eingeschlagene Wirtschaftspolitik lassen eine Wachstumsverlangsamung realistisch erscheinen. Auch ein regelrechter Einbruch ist angesichts der Rahmenbedingungen nicht auszuschließen. China sollte daher seine Strategie ändern und stärker auf langfristiges Wachstum statt auf kurzfristige Erfolge setzen. Dazu müsste das Land seine ineffizienten staatlichen Unternehmen reformieren, seinen Dienstleistungssektor öffnen, Marktzugangsbarrieren für private und ausländische Unternehmen abbauen und nicht zuletzt eine konservativere Kreditvergabe an den Tag legen.

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