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Reisen als Entwicklungshilfe

Die Tourismusbranche erwirtschaftet 10 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und stellt 9 Prozent aller Arbeitsplätze. Vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – und er trägt auch zu gesellschaftlichen Veränderungen bei.

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Was der Tourismus für die Wirtschaft mancher Länder bedeutet, zeigt sich oft erst, wenn die Urlauber wegbleiben: Ägypten zum Beispiel zählte vor der Revolution im Jahr 2011 noch rund 15 Millionen Touristen pro Jahr, doch seit dem Sturz von Hosni Mubarak und den anschließenden Unruhen und Terrorakten ist die Zahl der Besucher um ein Drittel geschrumpft. Die ägyptische Tourismuswirtschaft – eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes – meldete allein im Jahr 2013 einen Umsatzrückgang von mehr als 40 Prozent.

Wie wichtig der Tourismus insbesondere für Schwellen- und Entwicklungsländer ist, hat die IW Consult im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) untersucht. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welche Effekte die Ausgaben deutscher Touristen haben. Um das in konkrete Zahlen gießen zu können, muss man zwischen verschiedenen Auswirkungen unterscheiden:

Direkte Effekte. Das sind die unmittelbaren Ausgaben der Urlauber, etwa fürs Hotel, fürs Essen, für Veranstaltungen und für den Transport vor Ort.

Indirekte Effekte. Dazu zählen die Einkäufe von Vorleistungsgütern, die Investitionen in die touristische Infrastruktur und die staatliche Tourismusförderung.

Induzierte Effekte. Das ist jene Wertschöpfung, die durch die Einkommen der Beschäftigten in der Tourismuswirtschaft entsteht – sie verdienen Geld, geben es aus und sorgen so auch für mehr Umsatz in anderen Wirtschaftszweigen.

Schaut man sich die Auswirkungen der Ausgaben deutscher Touristen unter diesen Aspekten an, ergibt sich – nach Abzug der Einkäufe und Importe der Tourismusfirmen – folgendes Bild (Grafik):

Im Jahr 2012 haben deutsche Touristen 13,5 Milliarden Euro in Schwellen- und Entwicklungsländern ausgegeben – einschließlich der indirekten und induzierten Effekte ergab das einen Beitrag zu deren Bruttoinlandsprodukt von gut 19 Milliarden Euro.

Aus diesen Zahlen lässt sich die Hebelwirkung der Tourismusausgaben errechnen. Demnach führt jeder Euro, den Urlauber in diesen Ländern ausgeben, zu einem direkten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von rund 0,50 Euro – einschließlich der indirekten und induzierten Effekte sind es sogar etwas mehr als 1,40 Euro.

Bricht man diese Zahlen auf jeden einzelnen der insgesamt 11,2 Millionen deutschen Touristen herunter, die 2012 ein Schwellen- oder Entwicklungsland besucht haben, dann werden mit direkten Ausgaben von durchschnittlich 1.210 Euro pro Reisenden ökonomische Effekte von insgesamt 1.700 Euro ausgelöst.

Da die Tourismuswirtschaft sehr personalintensiv ist, schlagen sich die Ausgaben der Urlauber vor allem in der Beschäftigungsstatistik nieder. Und auch hier kann und muss man unterscheiden zwischen direkten, indirekten und induzierten Effekten (Grafik I):

Durch ihre direkten Ausgaben von 13,5 Milliarden Euro haben deutsche Touristen 2012 in den Schwellen- und Entwicklungsländern rund 738.000 Menschen Arbeit in der Tourismuswirtschaft gegeben.

Einschließlich der indirekten und induzierten Auswirkungen lag der Beschäftigungseffekt bei mehr als 1,8 Millionen.

Noch eindrucksvoller sind die Beschäftigungseffekte des Tourismus, wenn man nicht die große Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer insgesamt betrachtet, sondern einzelne Länder. Drei Beispiele:

In Ägypten sorgen die deutschen Tourismusausgaben für rund 68.000 Arbeitsplätze direkt im Tourismus und 154.000 Jobs insgesamt.

In Thailand ermöglicht der deutsche Tourismus insgesamt 132.000 Arbeitsplätze, davon 55.000 direkt im Tourismus.

In Kenia geben die Urlauber aus Deutschland insgesamt 11.000 Menschen eine Beschäftigung, rund 4.000 davon arbeiten direkt in der Tourismuswirtschaft.

Der wachsende Tourismus hat in den Schwellen- und Entwicklungsländern aber nicht nur ökonomische Effekte, sondern beeinflusst auch die gesellschaftliche Entwicklung.

So gilt als statistisch gesichert, dass es zum Beispiel einen positiven Zusammenhang zwischen Tourismus und Alphabetisierung gibt: Verdoppelt sich die Zahl der Touristen in einem dieser Länder, erhöht sich der Alphabetisierungsgrad um durchschnittlich 1,1 Prozentpunkte.

Dieses Phänomen lässt sich relativ einfach erklären: Zum einen wirkt sich der direkte Kontakt zwischen Touristen und der lokalen Bevölkerung unmittelbar auf die Alphabetisierung aus. Noch wichtiger aber ist der Effekt, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Tourismuswirtschaft den Menschen einen Anreiz geben, sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

Ähnlich positive Auswirkungen hat der Tourismus auf die politische Stabilität und Teilhabe sowie den Zugang zu sauberem Wasser und zu Elektrizität.

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