Zahlungsunfähigkeit Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Nur wenige Unternehmen in der Insolvenz

Trotz der angespannten Konjunkturlage in Deutschland dürfte die Zahl der Unternehmen, die zahlungsunfähig werden, auch im Jahr 2020 sinken. Das IW hat die Gründe für dieses Phänomen untersucht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2019 haben etwa 18.850 Unternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet – das waren 450 weniger als 2018.
  • Auch im laufenden Jahr dürfte es etwa 500 Pleiten weniger geben als im Vorjahr.
  • Ursache dafür sind die grundsoliden Bilanzen der Unternehmen, das niedrige Zinsniveau sowie die Tatsache, dass die rezessiven Tendenzen bislang nur das Verarbeitende Gewerbe betreffen.
Zur detaillierten Fassung

Mit der Zahlungsunfähigkeit von Thomas Cook, von der auch die Tochtergesellschaften Condor und Neckermann betroffen sind, hat es im Jahr 2019 einen prominenten Reiseveranstalter getroffen. Ende November wurde das Insolvenzverfahren beim deutschen Ableger von Thomas Cook eröffnet. Auch die Fluggesellschaft Germania, die Modekette Gerry Weber, der TV-Hersteller Loewe sowie die Beate-Uhse-Gruppe meldeten im vergangenen Jahr Insolvenz an, einige bereits zum zweiten Mal.

Im Jahr 2020 dürfte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland weiter sinken.

Gefühlt ist die Zahl der heimischen Unternehmen, die in letzter Zeit Konkurs gemacht haben, ausgesprochen hoch – zumal so viele Verbraucher unmittelbar betroffen sind. Aber ist dem auch wirklich so? Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft unter Mitwirkung des Bundesverbands der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken gibt Entwarnung (Grafik):

Im gerade abgelaufenen Jahr haben etwa 18.850 Unternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet – das waren 450 Pleiten weniger als im Jahr 2018.

Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland

Blickt man etwas weiter in die Vergangenheit, ist der Rückgang sogar noch deutlich größer: Im Vergleich zum Höhepunkt des Insolvenzgeschehens im Jahr 2003, als mehr als 39.000 Unternehmen in Deutschland in Konkurs gingen, hat sich die Zahl mittlerweile in etwa halbiert – und wieder das niedrige Insolvenzniveau von 1994 erreicht.

Dass aktuell so wenige Unternehmen in Deutschland in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die heimische Industrieproduktion seit Anfang 2018 durchgängig zurückgeht. Sollte die Industriekrise auf die Gesamtwirtschaft übergreifen, könnte dies auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen wieder nach oben treiben. Dies wäre jedoch erst dann der Fall, wenn das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 1 Prozent sinken würde.

In 2020 dürfte es 500 Insolvenzen weniger geben als 2019

Für eine Zunahme der Insolvenzzahlen gibt es momentan allerdings keinerlei Anhaltspunkte. Das IW prognostiziert für 2020 rund 18.300 Pleiten in Deutschland, das wären abermals 500 Insolvenzen weniger als 2019. Das liegt daran, dass nicht nur die Konjunktur, sondern auch andere Faktoren wie die Bilanzqualität der Unternehmen eine wichtige Rolle für das Insolvenzgeschehen spielen (Grafik):

Die durchschnittliche Bilanzqualität der Unternehmen erklärt langfristig zu mehr als einem Drittel, wie sich die Zahl der Insolvenzen verändert.

Veränderung der Unternehmensinsolvenzen gegenüber dem Vorjahr

Ihr Einfluss ist damit größer als jener der wirtschaftlichen Entwicklung; seit 2012 ist die Bilanzqualität sogar der klar dominierende Einflussfaktor.

Die relativ geringe konjunkturelle Abhängigkeit des Insolvenzgeschehens in Deutschland hat im Wesentlichen drei Gründe:

Erstens hat sich die Bilanzqualität der Unternehmen in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich verbessert. Nach der Jahrtausendwende stiegen infolge der Basel-II-Anforderungen im Bankensektor die Eigenkapitalquoten der Unternehmen. Als Reaktion auf die Finanzmarktkrise von 2009 wurden die Eigenkapitalquoten noch mal nachjustiert, wodurch spiegelbildlich die Verschuldung abnahm. Inzwischen weisen die Unternehmen in Deutschland überwiegend grundsolide Bilanzen auf.

Unternehmen in Deutschland kommen relativ leicht an Fremdkapital

Zweitens können die deutschen Unternehmen schon seit einigen Jahren ziemlich problemlos Kredite aufnehmen – und das dank des niedrigen Zinsniveaus zu sehr günstigen Konditionen. Angesichts der deutlichen Konjunkturabschwächung und der kürzlich eingeleiteten expansiven Gegenmaßnahmen der Europäischen Zentralbank ist eine Zinswende zudem eher unwahrscheinlich. Unternehmen in Deutschland dürften also auch weiterhin vergleichsweise leicht an Fremdkapital kommen.

Drittens begrenzen sich die rezessiven Tendenzen der deutschen Konjunktur auf das Verarbeitende Gewerbe. Und selbst in diesem Sektor gab es zuletzt nur wenige Unternehmenspleiten:

Im Jahr 2018 verzeichnete das Verarbeitende Gewerbe gerade einmal 1.402 Insolvenzen. Ihr Anteil an allen Insolvenzfällen betrug lediglich 7,3 Prozent, sodass ein Anstieg allein der Industriepleiten zahlenmäßig kaum ins Gewicht fällt.

Die Lage im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor ist weiterhin gut, auch die steigenden Realeinkommen sowie die nach wie vor steigenden Beschäftigungszahlen wirken schützend. Strukturelle Anpassungen – zum Beispiel in der Automobilbranche – stellen allerdings ein Risiko für die Unternehmen dar, das über jenes der konjunkturellen Auswirkungen hinausgeht.

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