MINT-Frühjahrsreport 2018 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

MINT-Lücke auf Rekordhoch

In Deutschland fehlen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik so viele Arbeitskräfte wie noch nie, wie aus dem MINT-Frühjahrsreport 2018 des Instituts der deutschen Wirtschaft hervorgeht. Vor allem an nicht akademischen Fachkräften mangelt es. Um die Lücke zu verkleinern, sollten mehr Fachkräfte aus dem Ausland gewonnen und mehr Flüchtlinge ausgebildet werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlten in Deutschland Ende April in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaft, Informatik und Technik fast 315.000 Fachkräfte – mehr als jemals zuvor.
  • Wurden noch vor einigen Jahren händeringend Hochschulabsolventen gesucht, mangelt es heute vor allem an Facharbeitern, Meistern und Technikern
  • Ein Ansatz, um den Bedarf der Unternehmen zu decken, ist die gesteuerte Zuwanderung qualifizierter Kräfte aus bevölkerungsreichen Ländern wie Indien. Aber auch Flüchtlingen bietet eine Ausbildung im MINT-Bereich große Chancen.
Zur detaillierten Fassung

Für die Innovationsstärke Deutschlands in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaftswelt spielen MINT-Arbeitskräfte – also Arbeitnehmer in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – eine zentrale Rolle. Von den mehr als 1,34 Millionen Menschen, die 2015 in Forschungsabteilungen arbeiteten, hatten 83 Prozent eine MINT-Qualifikation. Unter anderem setzt die Metall- und Elektro-Industrie, die 2016 mit Investitionen von 97,5 Milliarden Euro für mehr als 60 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland verantwortlich war, seit jeher auf gut ausgebildete MINT-Kräfte.

Vor diesem Hintergrund sind die Zahlen aus dem MINT-Frühjahresreport des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beunruhigend (Grafik):

Ende April 2018 fehlten in Deutschland fast 315.000 MINT-Arbeitskräfte – das war der höchste Stand seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2011. Fehlende Arbeitskräfte in den MINT-Berufen in Deutschland

Damit ist die MINT-Lücke nicht nur weiter gewachsen – im Vergleich zum April 2017 um stolze 77.300. Sie hat sich auch strukturell verändert: Fehlten vor einigen Jahren vor allem MINT-Akademiker, mangelt es heute insbesondere an Facharbeitern, Meistern und Technikern. Bei zwei von drei fehlenden Kräften sind diese Qualifikationen aktuell gefragt. Außerdem gibt es thematisch eine deutliche Verschiebung in Richtung IT-Sektor. Während im April 2014 rund 16.000 IT-Experten – in der Regel Akademiker – benötigt wurden, sind es heute 39.600, also mehr als doppelt so viele.

Die MINT-Lücke hat sich strukturell verändert: Fehlten vor einigen Jahren in erster Linie Hochschulabsolventen, mangelt es heute vor allem an Facharbeitern, Meistern und Technikern.

Die Engpässe in den MINT-Berufen sind groß, sie könnten aber noch um einiges größer sein, wenn die Zahl der ausländischen MINT-Kräfte in den vergangenen Jahren nicht überproportional zugenommen hätte:

Seit 2013 haben rund 42.000 Ausländer einen akademischen MINT-Job wie Ingenieur oder Informatiker in Deutschland angenommen.

Auch die Zahl der ausländischen MINT-Spezialisten und MINT-Fachkräften hat sich dynamischer entwickelt als die der vergleichbaren deutschen Beschäftigten (Grafik). Insgesamt waren im April 2018 in Deutschland knapp 600.000 Ausländer in MINT-Berufen beschäftigt. Beschäftgungsentwicklung deutscher und ausländischer Arbeitnehmer in MINT-Berufen seit Ende 2012

Ausländische Arbeitnehmer können auch in Zukunft dazu beitragen, die MINT-Lücke zu verkleinern oder zumindest stabil zu halten. Dazu ist es wichtig, dass qualifizierte Zuwanderer aus Drittstaaten problemlos nach Deutschland kommen können. Aus strategischer Sicht bieten sich dafür vor allem demografiestarke Länder wie Indien an:

Seit Anfang 2013 sind fast 5.000 Inder in die Bundesrepublik gekommen und arbeiten als Ingenieur oder Informatiker.

Insgesamt sind hierzulande derzeit etwa 8.700 Zugewanderte aus Indien in akademischen MINT-Berufen beschäftigt – außerdem 7.250 Italiener, 6.800 Spanier, 6.400 Franzosen und 6.100 Chinesen.

MINT-Fachkräfte gesucht: Eine Chance für Flüchtlinge

Erste Impulse für die MINT-Berufe sind auch aus der Flüchtlingsmigration zu verzeichnen. Hier ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Menschen aus Eritrea, Irak, Afghanistan und Syrien – den Hauptherkunftsländern der Flüchtlinge – deutlich gestiegen: Im Jahr 2012 kamen aus diesen vier Ländern rund 2.700 MINT-Beschäftigte, im Herbst 2016 waren es bereits gut 8.000. Ein Jahr später zählten die Statistiker 16.400 Beschäftigte. Eine genaue Prognose, wie viele Flüchtlinge in den kommenden Jahren den MINT-Sektor verstärken werden, ist schwierig. Forscher gehen anhand verschiedener Szenarien von 30.000 bis 50.000 MINT-Beschäftigten gegen Ende des Jahres 2020 aus.

Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen ist zwar eine Möglichkeit, die MINT-Lücke zu verkleinern – die Lösung aller Probleme ist es aber nicht. Auch die Unternehmen, die Schulen und die Politik müssen versuchen, mehr junge Menschen für MINT-Berufe zu begeistern. Die Arbeitsbedingungen dürften dabei hilfreich sein:

MINT-Beschäftigte verdienen im Durchschnitt mehr als ihre gleich qualifizierten Kollegen und Kolleginnen in anderen Fachrichtungen.

Rund 76 Prozent der erwerbstätigen MINT-Akademiker haben im Monat mehr als 2.000 Euro auf dem Konto, 20 Prozent liegen sogar über 4.000 Euro. Unter den sonstigen Akademikern liegen die Quoten dagegen nur bei 63 beziehungsweise 13 Prozent. Von den MINT-Fachkräften verdienen knapp 40 Prozent monatlich mehr als 2.000 Euro netto. Diese Marke überspringen bei den sonstigen Fachkräften lediglich 22 Prozent.

Die MINT-Berufe bieten jungen Menschen darüber hinaus sehr gute Chancen für einen Bildungsaufstieg. Zwischen 2001 und 2016 gehörten fast 70 Prozent der Ingenieure und 66 Prozent der sonstigen MINT-Akademiker zu den sogenannten Bildungsaufsteigern: Das heißt, sie haben ihre Eltern überholt, denn weder Mutter noch Vater hatten einen akademischen Abschluss. In den Fächern Jura und Medizin liegt die Quote bei 44 beziehungsweise 50 Prozent.

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