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Emissionshandel: Zauberformel Zertifikat

Um den Anstieg der Erderwärmung zu bremsen, setzen mehr und mehr Staaten auf den Emissionshandel. In Europa gibt es das Instrument seit 13 Jahren, sogar China testet seit Kurzem ein Emissionshandelssystem im Energiesektor. Perspektivisch müssten jedoch alle Lebensbereiche einbezogen werden, um den Klimawandel zu stoppen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Preis für CO2-Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandelssystem hat sich binnen eines Jahres auf 21 Euro verdreifacht.
  • Klimapolitisch ist der Preisanstieg begrüßenswert, weil er den Unternehmen einen Anreiz bietet, Kohlendioxidemissionen zu vermeiden.
  • Trotzdem weist der Emissionshandel noch Lücken auf, die sowohl für das Klima als auch für die Unternehmen kontraproduktiv sind: Es sind weder alle Wirtschaftssektoren noch alle Länder in das System einbezogen.
Zur detaillierten Fassung

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert auch beim Klimaschutz: Kaum hatten sich im November 2017 die Vertreter des Europäischen Parlaments sowie der Mitgliedstaaten nach mehr als zwei Jahren Verhandlung auf eine Reform des europäischen Emissionshandelssystems ETS verständigt, kam Bewegung in den Markt für Emissionszertifikate.

Allein die Ankündigung, dass ungenutzte Papiere ab 2019 in eine Reserve überführt oder gar gelöscht werden sollen und ab 2021 strengere CO2-Obergrenzen für die Emittenten gelten, sorgte für einen gehörigen Preisschub an der Leipziger Energiebörse EEX (Grafik):

In den vergangenen Monaten ist der Preis für ein CO2-Zertifikat auf rund 20 Euro geklettert – nachdem er sich zuvor fünf Jahre lang zwischen 4 und 8 Euro bewegt hatte. Preisentwicklung der CO2-Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandelssystem seit 2013

Das europäische Emissionshandelssystem existiert seit 2005. Seitdem müssen Fabriken und Kraftwerke in Europa für jede Tonne klimaschädliche Gase, die sie ausstoßen, ein Emissionszertifikat einlösen. Limitiert wird nur die Gesamtmenge der Treibhausgasemissionen, wer wo wie viel ausstößt beziehungsweise reduziert, ist Sache der Unternehmen. Diese Flexibilität soll es den Kohlendioxidverursachern ermöglichen, die kostengünstigste Reduktionsmöglichkeit auszumachen und umzusetzen.

Klimapolitisch ist der Preisanstieg für Emissionszertifikate begrüßenswert, denn wenn es teurer wird, CO2 zu emittieren, steigt die Bereitschaft, in den Klimaschutz zu investieren, und es lohnt sich eher, klimafreundlichere Energien zu nutzen.

Allerdings hat das europäische Emissionshandelssystem noch große Lücken:

Emissionshandel deckt nicht alle Wirtschaftszweige ab

Erstens gilt das Emissionshandelssystem der EU nur für einige Branchen – der Autoverkehr, die Landwirtschaft und alle gebäudebedingten Emissionen wie das Heizen sind davon ausgenommen. So wird nur ein Teil der ausgestoßenen Klimagase vom Zertifikatehandel erfasst:

In der EU sind nur etwa 45 Prozent der CO2-Emissionen durch den Emissionshandel abgedeckt.

Laut EU-Beschluss müssen zwar auch die anderen Sektoren ihre Klimagase reduzieren, doch wie schwierig es ist, hier strengere Vorgaben zu vereinbaren, zeigt die aktuelle Debatte über CO2-Normen für neue Pkw und Lastwagen. Die EU-Kommission hat sich dafür ausgesprochen, den Kohlendioxidausstoß von 2021 bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren, die Parlamentarier plädieren sogar für 40 Prozent. Die Hersteller, die den CO2-Austoß ihrer Neuwagenflotte bis 2021 durchschnittlich auf 95 Gramm je Kilometer begrenzen müssen, halten jedoch bereits das 30-Prozent-Ziel für außerordentlich ehrgeizig. Und auch das Bundeswirtschaftsministerium warnt vor zu strengen Vorgaben für Auto-Emissionen.

Die EU-Vorgaben für Sektoren, die nicht dem europäischen Emissionshandel unterliegen, werden von einigen Ländern nicht eingehalten werden – darunter auch Deutschland.

Hinzu kommt, dass die EU-Vorgaben für Sektoren, die nicht dem europäischen Emissionshandel unterliegen, von einigen Ländern nicht eingehalten werden – darunter Deutschland. Die Bundesrepublik müsste laut EU-Klimaziel bis 2020 in diesen Bereichen 14 Prozent Emissionen einsparen, bis 2038 sogar 38 Prozent. Tatsächlich hat Deutschland seine Emissionen im Verkehr, im Gebäudesektor und in der Landwirtschaft bislang nicht genug gesenkt, um dieses Ziel noch rechtzeitig zu erreichen. Das kann jährliche Kosten in Milliardenhöhe nach sich ziehen, da Staaten, die mehr emittieren als erlaubt, Strafen zahlen oder anderen Staaten, die weniger CO2 ausstoßen, Emissionsrechte abkaufen müssen.

Emissionshandel erfasst nicht alle Länder

Zweitens ist das europäische Emissionshandelssystem regional beschränkt. Außer den Mitgliedstaaten nehmen daran nur noch Norwegen, Island und Liechtenstein teil. Doch der Klimaschutz ist ein globales Unterfangen. Zwar haben auch andere Länder wie die Schweiz ein eigenes Emissionshandelssystem; und selbst China, das mehr als zehn Milliarden Tonnen CO2 im Jahr emittiert (Grafik), hat in seinem Energiesektor eine Pilotphase für den Emissionshandel gestartet, der ab 2020 auf andere Sektoren ausgeweitet werden soll. Entwicklung der CO2-Emissionen in Millionen Tonnen seit dem Jahr 2000

Doch solange nicht alle Länder die Klimaschädigung bepreisen, haben einzelne Unternehmen immer einen Anreiz, ihre Produktion und damit auch ihre Emissionen dorthin zu verlagern, wo der Ausstoß von CO2 nichts oder weniger kostet – ein Risiko, das als Carbon Leakage bezeichnet wird.

Solange nicht alle Länder die Klimaschädigung bepreisen, haben einzelne Unternehmen einen Anreiz, ihre Produktion und damit auch ihre Emissionen dorthin zu verlagern.

In Europa wird diese Abwanderungsgefahr gemindert, indem einzelnen Unternehmenssektoren zur Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit ein festgelegtes Kontingent kostenloser Emissionszertifikate zugeteilt wird. Zu diesen Wirtschaftszweigen zählen zwischen 2015 und 2019 unter anderem der Steinkohlenbergbau, Kokereien und Gießereien, Erdgas und Erdöl gewinnende Unternehmen sowie diverse Maschinenhersteller.

Wenn der Klimaschutz gelingen soll, müssen perspektivisch alle Sektoren in den Emissionshandel einbezogen werden. Im besten Fall gibt es irgendwann ein einheitliches CO2-Emissionszertifikat für jede Tonne Kohlendioxid – egal wo auf der Welt sie ausgestoßen wird.

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