Regionale Armut Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Arme Eltern, schlechte Schüler

Finanzielle Armut und Bildungsarmut gehen oftmals Hand in Hand. So zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dass in den meisten Regionen, in denen vergleichsweise viele Kinder und Jugendliche in finanziell schwierigen Verhältnissen leben, auch mehr Schüler die Schule abbrechen als anderswo.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland lebten 2013 rund 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen in armen oder von Armut bedrohten Verhältnissen.
  • Annähernd 6 Prozent aller Schüler verließen 2014 die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss.
  • In Regionen, in denen viele Kinder von Armut bedroht sind, brechen auch deutlich mehr Jugendliche die Schule ab als in wohlhabenderen Stadt- und Landkreisen.
Zur detaillierten Fassung

Natürlich sind Kinder, die in bescheidenen Verhältnissen aufwachsen, nicht dümmer als andere. Doch spätestens seit der ersten PISA-Studie ist klar: In Deutschland ist die Schulleistung von Kindern und Jugendlichen besonders eng an die soziale Herkunft gekoppelt.

In der Bundesrepublik lebten 2013 rund 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen in armen oder von Armut bedrohten Verhältnissen.

Kinder aus Elternhäusern mit beschränktem finanziellen Spielraum haben jedoch nicht per se schlechtere Karten. Das Kernproblem liegt vielmehr darin, dass finanzielle Armut und Bildungsarmut in Deutschland oftmals Hand in Hand gehen. So fällt es vielen sozial schwach gestellten Eltern schwer, ihre Kinder beim Lernen und bei den Schulaufgaben optimal zu unterstützen. Dies wiederum kann bei den Sprösslingen zu schlechten Leistungen und – schlimmstenfalls – zum Schulabbruch führen.

Annähernd 6 Prozent der Schüler verließen die allgemeinbildende Schule 2014 ohne Abschluss.

Vielen jungen Menschen gelingt es allerdings noch im beruflichen Übergangssystem – etwa im Rahmen des Berufsvorbereitungsjahres –, einen Schulabschluss nachzuholen.

Weniger Schulabbrecher im Süden Deutschlands als im Norden

Dass in Regionen, in denen vergleichsweise viele Kinder – unter Berücksichtigung der Kaufkraft – von Armut gefährdet sind, auch deutlich mehr Jugendliche die Schule abbrechen als in wohlhabenderen Stadt- und Landkreisen, weist eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) nach. Dies zeigt auch der Bundesländervergleich (Grafiken):

Im Süden Deutschlands, wo besonders wenige Kinder in einkommensschwachen Familien leben, sind auch Schulabbrüche besonders selten.

In Bayern beispielsweise, wo nur knapp 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet sind, beträgt die Quote der Schulabbrecher lediglich etwas mehr als 4 Prozent.

In den meisten neuen Bundesländern dagegen sind beide Quoten – also die Armutsgefährdungs- und die Abbrecherquote – besonders hoch. In Sachsen-Anhalt verlassen 10 Prozent der Jugendlichen die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss.

Ein Hauptschulabschluss sollte die Ausbildungsreife dokumentieren

Aus dem Raster fallen Nordrhein-Westfalen und Hamburg: Obwohl hier überdurchschnittlich viele Minderjährige von Armut bedroht sind, verlassen nicht mehr Schüler die Schule ohne Abschluss als im Bundesdurchschnitt. Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch ableiten, dass diese Länder besonders erfolgreich darin sind, Bildungsarmut bei benachteiligten Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu vermeiden. Denn vielen jungen Menschen fehlen trotz eines erlangten Hauptschulabschlusses die notwendigen Basics – etwa in Deutsch und Mathematik –, um eine Ausbildung oder eine weitere schulische Laufbahn zu absolvieren.

Vielen sozial schwachen Eltern fällt es schwer, ihre Kinder beim Lernen und bei den Schulaufgaben zu unterstützen, was bei den Sprösslingen zu schlechten Leistungen und auch zum Schulabbruch führen kann.

Statt das Niveau für einen Hauptschulabschluss weiter zu senken, um die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren, sollten die Länder vielmehr darauf hinwirken, dass ein Hauptschulabschluss auch tatsächlich die Ausbildungsreife eines Absolventen dokumentiert.

So lässt sich Bildungsarmut vermeiden

Um Bildungsarmut zu bekämpfen, muss die Politik an anderer Stelle ansetzen. Sie sollte für Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten ein Lernumfeld schaffen, das es ihnen leichter macht, erfolgreich in der Schule zu sein. Die dafür nötigen Maßnahmen setzen zum Teil bereits vor dem Schuleintritt der Kinder an.

  1. Von zentraler Bedeutung ist eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung, also eine ausreichende Zahl an Kindertagesstätten, die eine optimale Betreuung und Förderung für die Ein- bis Sechsjährigen gewährleisten. Da die individuelle Förderung umso besser funktioniert, je kleiner die Gruppe ist, ist der Betreuungsschlüssel – neben der Qualifikation der Erzieher – ein entscheidendes Qualitätsmerkmal. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt, dass maximal drei Krippenkinder beziehungsweise sieben Kindergartenkinder von einer Bezugsperson betreut werden. Tatsächlich lag der Betreuungsschlüssel in Deutschland 2015 bei 1 zu 4,3 für Krippenkinder und bei 1 zu 8,7 für die Drei- bis Siebenjährigen.
  1. Nötig sind überdies gezielte Unterstützungsangebote für Kinder mit Förderbedarf – etwa Sprachförderung für jene, die Probleme mit der deutschen Sprache haben.
  1. Deutschland ist von einer ausreichenden Versorgung mit Ganztagsschulen noch weit entfernt. So gibt es derzeit nur für ein Drittel der Grundschüler Ganztagsangebote (siehe iwd-Artikel "Mit Schulbeginn wächst der Stress").
  1. Für Kinder aus benachteiligten Familien ist insbesondere eine qualifizierte Hausaufgabenbetreuung wichtig. Denn rund ein Drittel der 17-Jährigen, die maximal einen Hauptschulabschluss haben beziehungsweise anstreben, erhalten von den Eltern keine Unterstützung beim Lernen oder bei den Hausaufgaben.

IW-Kurzbericht 52/2016

Wido Geis, Christoph Schröder: Armutsgefährdete Kinder und Schulabbrüche im regionalen Vergleichiwkoeln.de/schulabbrecher

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