Ja,
sagt
Christiane Flüter-Hoffmann,

Senior Researcher

Die Anwesenheitskultur, „zur Arbeit zu gehen“ und in der Firma unseren Job zu erledigen, stammt noch aus dem Industriezeitalter.

Wer wünscht sich nicht, familiäre Aufgaben oder ehrenamtliches Engagement besser mit seiner Arbeitszeit vereinbaren zu können? Da ist jeder froh, der gelegentlich von zu Hause arbeiten und sich so die Zeit besser selbst einteilen kann. Das entspricht nicht nur dem eigenen Biorhythmus besser, sondern dient auch dem Familienleben - wenn etwa am Nachmittag noch ein Zoobesuch mit den Kindern möglich ist und die Eltern ihre Arbeiten am Abend fortsetzen, wenn die Kleinen schlafen. Homeoffice verschafft also mehr Zeitsouveränität und ermöglicht das Arbeiten nach eigenen Bedingungen in ungestörter Atmosphäre.

Die Unternehmen merken sehr schnell am Betriebsklima und an den Ergebnissen, wenn die Arbeitszufriedenheit hoch ist. Und das Angebot von Homeoffice trägt in den meisten Unternehmen zu einer höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter bei, was sich positiv auf die Produktivität auswirken kann. Gleichzeitig können die Unternehmen Kosten sparen, wenn sie das Desk-Sharing-Prinzip verfolgen: Zwei bis drei Telebeschäftigte teilen sich einen Arbeitsplatz. Das spart teure Bürofläche.

Homeoffice schont sogar die Umwelt

Arbeitnehmer, die nur einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten, reduzieren ihre Pendlerzeit bereits um ein Fünftel. Das schont nicht nur den Geldbeutel der Beschäftigten, sondern auch ihre Nerven. Und angesichts der steigenden Pendlerzahlen ist auch das Thema CO2-Ausstoß von großer Bedeutung, denn 66 Prozent aller Pendler nutzen das Auto. Insofern hilft Homeoffice indirekt auch der Umwelt.

Die Anwesenheitskultur, in der es für uns alle ganz normal ist, „zur Arbeit zu gehen“ und vor Ort unseren Job zu erledigen, stammt noch aus dem Industriezeitalter. Doch die Wissensgesellschaft hat neue Arbeitsformen hervorgebracht, bei denen vor allem die Arbeitsergebnisse zählen.

Natürlich muss der Krankenpfleger oder die Friseurin die Arbeit weiterhin am Menschen erledigen. Auch Kraftfahrzeugmechaniker reparieren Autos weiterhin in der Werkstatt und natürlich betreuen Erzieher Kinder in der Kita. Aber in fast allen Berufen gibt es auch Teilbereiche, die im Homeoffice erledigt werden können – zum Beispiel planende oder schreibende Tätigkeiten. Grundsätzlich gilt: Die Arbeit ist immer seltener an einen Ort gebunden. Alles, was per PC erledigt werden kann, eignet sich meist auch für das Homeoffice.

Immer mehr Menschen arbeiten mobil

55 Prozent aller Arbeitsplätze sind bereits mit Computern und Internetzugang ausgestattet. Darüber hinaus wird die Arbeit vielfach globaler, mit digitaler Vernetzung über die Kontinente hinweg. Die Digitalisierung führt dazu, dass immer mehr Menschen mobil arbeiten: im Büro, in der Werkshalle, beim Kunden vor Ort, im Hotel und auch zu Hause. Dann kommt es fast nur noch auf die Arbeitsergebnisse an, nicht mehr auf die Präsenz im Unternehmen. Auf diese Zeiten bereiten wir uns am besten heute schon vor.

Nein,
sagt
Simone Janson,

Bloggerin und Autorin, betreibt den Blog berufebilder.de sowie den Brancheninfodienst „Best of HR“

Die Herausforderung ist, Teams trotz der räumlichen Trennung zusammenzuschweißen und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.

Homeoffice liegt im Trend. Allerdings muss es auch zur Unternehmenskultur passen. Sonst geht der Schuss mit der großen Freiheit schnell nach hinten los – auch für die Mitarbeiter.

Eine vom Centre of Human Resources Informations Systems zusammen mit der Stellenbörse Monster herausgegebene Studie zeigt: Von 7.040 Beschäftigten, die regelmäßig von zu Hause aus arbeiten, haben 44 Prozent im Homeoffice weniger soziale Kontakte zu Kollegen und laufen dadurch Gefahr, von der informellen Kommunikation abgeschnitten zu werden. Fast ein Viertel befürchtet gar verringerte Karrierechancen.

Zuhause muss man sich stark selbst disziplinieren

Nach 13 Jahren im Homeoffice weiß ich aus eigener Erfahrung, welche Herausforderungen das Arbeiten von zu Hause aus an einen stellt: Der fehlende soziale Kontakt kann zu Vereinsamung führen, mangelndes Feedback verunsichern. Außerdem muss man sich zuhause stärker selbst disziplinieren, um sich nicht von Familie, Nachbarn, dem Haushalt oder dem schönen Wetter ablenken zu lassen.

Umgekehrt muss man sich aber auch manchmal regelrecht zu Pausen, Sport und gesunder Ernährung zwingen – Dinge, die man im Büro vielleicht automatisch mitmachen würde. Wer frei entscheiden kann, wann und wie viel er arbeitet, arbeitet in der Regel mehr - oft bis zur Selbstausbeutung. Daher hat es für mich immer einen schalen Beigeschmack, wenn Manager bei ihren Mitarbeitern Eigenverantwortung voraussetzen und ihnen scheinbar die freie Wahl bei Arbeitszeit und Arbeitsort lassen.

Mentalitätswandel in den Chefetagen ist nötig

Tatsächlich kann das Management sehr viel zum Gelingen des Homeoffice-Experiments beitragen. Zum einen ist ein Mentalitätswandel in den Chefetagen nötig – insbesondere Mittelständler tun sich noch oft schwer mit neuen Arbeitszeitmodellen. Zum anderen muss das Management den größeren Organisationsaufwand, den das Homeoffice mit sich bringt, unterstützen und auch bereitstellen – etwa mithilfe neuer technischer Tools wie Etherpads oder Slack, mit denen Kollegen gemeinsam und zur selben Zeit Dokumente erarbeiten können. Auch Chat-Foren, Wikis und digitale Boards helfen dabei, sich immer und überall über den Projekt-Status zu informieren.

Die besondere Herausforderung besteht darin, ein Team trotz räumlicher Trennung virtuell zusammenzuschweißen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu ermöglichen. Dabei muss auch die informelle Kommunikation, der Flurfunk, berücksichtigt werden - etwa durch die virtuelle Kaffeebar oder den virtuellen Lunch, regelmäßige virtuelle Treffen und auch persönliche Meetings, bei denen das ganze Team zusammenkommt. Wenn solche neuen Arbeitsformen noch nicht in der Unternehmenskultur angekommen sind und man das Homeoffice nur anbietet, weil es ja alle machen, sehe ich tatsächlich schwarz für dieses Experiment.

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