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Zinsen der Herzen

In den vergangenen zehn Jahren haben sich Bundesliga­vereine insgesamt 118 Millionen Euro bei ihren Fans geliehen – und die verzichten oft sogar auf ihre Zinsen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutsche Fußballvereine finanzieren sich auch über Fan-Anleihen
  • Hohe Renditen bei hohem Risiko
  • Im schlimmsten Fall ist das ganze Geld weg
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Arm, aber sexy: Hertha BSC Berlin war 2004 der erste Fußballverein, der über eine sogenannte Fan-Anleihe 4,5 Millionen Euro Kapital eingesammelt hat. Inzwischen wird diese Finanzierungsmethode sogar in der Dritten Liga angewendet – etwa von Rot-Weiß Erfurt (Grafik).

Bei der typischen Fan-Anleihe handelt es sich um eine Inhaberschuldverschreibung mit einer Laufzeit von fünf bis sieben Jahren und einer jährlichen Verzinsung von durchschnittlich 6 Prozent. Doch der Teufel dieser durchaus rentierlichen Papiere steckt oft im Detail:

Fehlende Handelbarkeit. Da Fan-Anleihen nicht am Kapitalmarkt gehandelt werden, können sie erst mit Ende der Laufzeit wieder zu Geld gemacht werden – keinen Tag vorher.

Drohende Zweckentfremdung. Mit der Anleihe erwerben die Fans keinerlei Mitspracherecht über die Verwendung der Mittel. Selbst wenn ein Verein – wie im Jahr 2012 der Hamburger SV – verspricht, das Geld für den Bau eines Nachwuchszentrums und nicht zum Stopfen von Finanzlöchern zu verwenden, ist so ein Versprechen nicht bindend.

Komplizierte Coupons. Der Großteil der Anleihen wird – auf Wunsch der Fans – als dekorative Schmuck­urkunde ausgegeben. Um an ihre Zinsen zu kommen, müssen die Fans die Zinscoupons aus diesen Urkunden herausschneiden und einlösen. Weil das aber die schmucken Wertpapiere verschandeln würde, verzichten viele Fans auf ihr Geld:

Bei niedrigen Stückelungen – oftmals handelt es sich um 100-Euro-Anleihen – verzichtet die Hälfte der Fans sowohl auf die Zinsen als auf die Rückzahlung des Anlagebetrags.

Risiko des Totalausfalls. Bei einer Insolvenz des Vereins werden institutionelle Gläubiger vorgezogen und die Fans gehen im schlimmsten Fall leer aus. So geschehen im November 2013, als Alemannia Aachen Insolvenz anmelden musste und rund 4.000 Gläubiger der 2008 emittierten Fan-Anleihe den Großteil ihres Geldes abschreiben mussten.

Das Schlimmste: der Abstieg. Den HSV können jetzt nur noch die Relegationsspiele gegen Karlsruhe retten – sonst steigen die Hamburger nach 52 Jahren in der obersten Bundesliga erstmals ab. Generell sinken in so einem Fall nicht nur die Zuschauerzahlen, auch die Vermarktungserlöse und Sponsorengelder gehen deutlich zurück. Oft fehlt dem Absteiger dann auch das Geld, um die Fan-Anleihe fristgerecht – oder überhaupt – zurückzuzahlen.

Die letzte Hoffnung von Vereinen und Fans liegt dann oft bei den Unternehmen aus der Region oder reichen Mäzenen, die mit einigen Millionen aus ihrem Privatvermögen aushelfen und die Zahlungsunfähigkeit abwenden. Manchmal springt sogar die betroffene Stadt ein, um den Niedergang ihres regionalen Aushängeschilds zu verhindern.

Zwar ist es schon zehn Jahre her, dass mit Borussia Dortmund ein Erstligist an der Grenze zur Zahlungsunfähigkeit stand und seine Schulden nicht vereinbarungsgemäß bedienen konnte. Gleichwohl bleiben Fan-Anleihen ein hochriskantes Geschäft – zumal das fußballerische Herz meist mehr zu sagen hat als der ökonomische Verstand.

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