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Zähes Ringen um freieren Handel

Das aufstrebende Schwellenland gewinnt als Absatzmarkt für europäische Unternehmen immer mehr an Bedeutung. Daher ringt die Europäische Union bereits seit einigen Jahren um ein Freihandelsabkommen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Indiens Wirtschaft hat einen beeindruckenden Aufstieg erlebt.
  • Das indische Pro-Kopf-BIP erhöhte sich von 1.600 Dollar im Jahr 2001 auf 3.700 Dollar im Jahr 2011.
  • Während die EU für Indien der bedeutendste Geschäftspartner ist, spielt die indische Volkswirtschaft für Europa jedoch noch eine Nebenrolle.
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Indiens Wirtschaft hat einen beeindruckenden Aufstieg erlebt. Von 2001 bis 2011 hat sich das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) mehr als verdoppelt. Auch je Einwohner gerechnet und unter Berücksichtigung von Kaufkraftunterschieden war der Zuwachs enorm (Grafik unten):

Das indische Pro-Kopf-BIP erhöhte sich von 1.600 Dollar im Jahr 2001 auf 3.700 Dollar im Jahr 2011.

Doch noch immer hinkt Indien den Industrienationen weit hinterher – Deutschland etwa kam 2011 auf ein kaufkraftbereinigtes BIP je Einwohner von 37.900 Dollar. Zudem ist das Wohlstandsgefälle in Indien groß: 2010 mussten laut Weltbank 33 Prozent der Inder mit einer Kaufkraft von weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen. Um dieses Problem bei einer wachsenden Bevölkerung (Kasten) zu bekämpfen, muss sich das Land für die Zukunft fit machen. Insofern ist es erfreulich, dass Inves­titionen stark zum ökonomischen Fortschritt der vergangenen Jahre beigetragen haben.

Seit 2004 lag der Anteil der Inves­titionen am BIP des Subkontinents Jahr für Jahr über 30 Prozent und erreichte 2011 fast 38 Prozent.

Zum Vergleich: In Deutschland betrug die Quote zuletzt nur 18 Prozent. Indien finanziert seine Investitionen zudem größtenteils aus den Ersparnissen von Bürgern und Unternehmen und ist damit nicht so stark auf ausländisches Kapital angewiesen.

In jüngster Zeit allerdings musste die indische Wirtschaft einen Gang zurückschalten. Mit 7,4 Prozent fiel der BIP-Zuwachs 2011 um 2,5 Prozentpunkte niedriger aus als 2010. Für das laufende Jahr und 2013 erwartet der Internationale Währungsfonds inzwischen nur noch ein Plus von 7,0 bzw. 7,3 Prozent.

Ein wesentlicher Grund für diese Zahlen ist das schlechtere Weltwirtschaftsklima. Zudem verringern Investoren aus Europa aufgrund der Probleme am Finanzmarkt ihr Engagement in den Schwellenländern. Hinzu kommt, dass die indische Zentralbank die Leitzinsen mehrfach erhöht hat. Sie tritt damit der besorgniserregenden Inflation im Land entgegen:

In den vergangenen drei Jahren stiegen die Verbraucherpreise in Indien im Jahresdurchschnitt um rund 11 Prozent.

Verursacht wurde der starke Preisauftrieb vor allem durch den vorherigen Wirtschaftsboom. Zudem verteuerten die Abwertung der Indischen Rupie und die zwischenzeitlich stark gestiegenen Ölpreise die Importe.

Die aktuellen Probleme ändern allerdings nichts daran, dass Indien als Akteur auf den Weltmärkten immer wichtiger wird. Dies zeigt sich auch beim Handel mit den EU-Staaten:

Während die Warenimporte der EU von 2000 bis 2010 um 52 Prozent stiegen, legten die Einfuhren aus Indien um 159 Prozent zu. Auch die Exporte dorthin nahmen mit 154 Prozent viel stärker zu als die gesamten EU-Ausfuhren (plus 59 Prozent).

Während die EU für Indien der bedeutendste Geschäftspartner ist, spielt die indische Volkswirtschaft für Europa jedoch noch eine Nebenrolle. Lediglich 2,2 Prozent der EU-Warenimporte und 2,6 Prozent der EU-Warenexporte entfallen auf das Land am Ganges, das damit nur auf Rang acht der Handelspartner steht. Das liegt nicht zuletzt an den hohen Handelsbarrieren, mit denen Indien seine Wirtschaftszweige schützt (Grafik oben):

Vor allem im Agrarsektor und bei Fahrzeugen sind die indischen Einfuhrzölle höher als jene der EU.

Auch deshalb steht ein Freihandelsabkommen ganz oben auf der Wunschliste der Europäer. Ein solches Abkommen würde mit 1,7 Milliarden Menschen die weltweit größte Freihandelszone schaffen. Doch ob die schon im Jahr 2007 begonnenen Verhandlungen wie derzeit geplant Ende 2012 abgeschlossen werden können, ist fraglich.

Denn die Interessen sind recht konträr. So fordert Brüssel den Abbau von Industriegüterzöllen und der Barrieren im Dienstleistungshandel. Doch Neu-Delhi wehrt sich dagegen, von Europa subventionierte Agrarprodukte oder große Supermarktketten auf den heimischen Markt zu lassen, weil Kleinbauern und Straßenhändler um ihre Existenz fürchten.

Auf der anderen Seite kommt es in der EU nicht gut an, dass Indien beispielsweise weniger Regulierungen für seine Agrarlieferungen durchsetzen oder Visa-Erleichterungen für vorübergehend in der EU tätige Servicekräfte wie etwa Software-Fachleute erreichen will. Darüber hinaus wehren sich die europäischen Verhandlungspartner dagegen, dass Indien unter anderem seine Zölle auf Autoimporte selbst bei langen Übergangsfristen nicht vollständig abbauen will.

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