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Woran es hapert

Die beiden größten Einzelgewerkschaften – Ver.di und die IG Metall – melden steigende Mitgliederzahlen. Ein genauer Blick zeigt indes: In der Arbeitnehmerschaft bröckelt die gewerkschaftliche Verankerung. Vielen Gewerkschaften mangelt es an jungen Mitgliedern und Frauen.

Kernaussagen in Kürze:
  • In vielen Gewerkschaften gibt es nur wenige junge Mitglieder.
  • Nur 30 Prozent der Gewerkschafter sind zwischen 18 und 40 Jahre alt.
Zur detaillierten Fassung

Im Jahr 1991 waren im wiedervereinigten Deutschland über 13 Millionen Menschen Mitglied einer Gewerkschaft, Ende 2014 waren es nur noch etwa 8 Millionen. Allein 6,1 Millionen davon entfielen auf die acht im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften, weitere 1,3 Millionen auf den Beamtenbund und die Tarifunion mit ihren 43 Mitgliedsgewerkschaften.

Zusätzlich gibt es noch den Christlichen Gewerkschaftsbund Deutschlands sowie einige Berufsgewerkschaften, die wie der Marburger Bund oder die Vereinigung Cockpit keinem Dachverband angehören.

Zieht man die organisierten Rentner und Arbeitslosen von der Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder ab und setzt die aktiven Mitglieder in Relation zu allen abhängig Beschäftigten, erhält man den gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Eine Auswertung der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) unter mehr als 1.600 Beschäftigten in Deutschland zeigt (Grafik):

Im Jahr 2014 waren nur 17,5 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert.

Nach einem Zwischenhoch im Jahr 2012 – damals lag der Organisationsgrad bei 20,6 Prozent – setzte sich der seit der Wiedervereinigung bestehende Abwärtstrend zuletzt also weiter fort.

Da nur allgemein nach einer Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft gefragt wird, ist eine Aufschlüsselung der Mitgliederzahlen für einzelne Gewerkschaften nicht möglich. Wohl möglich ist jedoch ein Blick auf die Mitgliederstruktur. Ver­glichen mit der Struktur der Arbeitnehmer zeigt sich, dass einige Gruppen in den Gewerkschaften unterrepräsentiert sind – zum Beispiel Frauen.

So sind rund 20 Prozent aller männlichen Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglieder, aber nur knapp 15 Prozent der Arbeitnehmerinnen.

Männer machen somit fast zwei Drittel der Mitglieder in Gewerkschaften aus, obwohl sie nur etwas mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer stellen. Da der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen zunimmt, müssten die Gewerkschaften also mehr Frauen vom Nutzen einer Mitgliedschaft überzeugen, wenn sie für Geschlechterparität sorgen wollen.

Tatsächlich haben die Gewerkschaften dieses Problem erkannt. Im Rahmen der Mitgliederwerbung werden Frauen seit einiger Zeit gezielt angesprochen, vor allem von den Dienstleistungsgewerkschaften. Ver.di hat mittlerweile einen Frauen­anteil von 51,5 Prozent, bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sind sogar 70 Prozent der Mitglieder Frauen.

Dass diese Strategie aufgeht, zeigt sich auch daran, dass der Organisationsgrad der Frauen in den letzten drei ALLBUS-Befragungen stabil blieb – anders als bei den Männern, die vor allem seit 2012 Anteile verloren haben (5,5 Prozentpunkte).

Doch auch bei den Jüngeren besteht ein Rekrutierungsdefizit. Im Jahr 2014 waren von den 18- bis 30-jährigen Arbeitnehmern nur 12,1 Prozent gewerkschaftlich organisiert, während von den über 50-jährigen Arbeitern und Angestellten mehr als 22 Prozent Mitglied einer Gewerkschaft waren. In den Gewerkschaften selbst stellt sich dieses Missverhältnis so dar (Grafik):

Nur 30 Prozent aller Gewerkschafter sind zwischen 18 und 40 Jahre alt, dabei stellt diese Altersgruppe 40 Prozent aller Arbeitnehmer. 70 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder sind dagegen älter als 40 Jahre.

Die Gewerkschaften sind also, was ihre Mitgliederstruktur angeht, älter als die Arbeitnehmerschaft insgesamt. Auch bei diesem Trend versuchen die Organisationen gegenzusteuern. Ver.di etwa hat auf dem letzten Bundeskongress beschlossen, die derzeitige sehr niedrige „Jugendquote“ von 5,4 Prozent bis 2020 auf 8,5 Prozent zu erhöhen. Im vergangenen Jahr schafften es alle acht DGB-Gewerkschaften immerhin, den Anteil der Jugendlichen in ihren Reihen um 1,3 Prozentpunkte zu steigern.

Doch es gibt noch eine dritte Gruppe, die in den Gewerkschaften unterrepräsentiert ist: die der Angestellten. Während 2014 immerhin 34 Prozent aller Beamten organisiert waren, betrug der Organisationsgrad bei den Arbeitern 20 Prozent und bei den Angestellten nur 15 Prozent.

Eine Differenzierung der Mitgliederstruktur nach Qualifikationen zeigt außerdem, dass Arbeitnehmer mit mittlerer und gehobener Qualifikation stärker organisiert sind als andere Beschäftigte. Demnach haben angelernte Arbeiter, Facharbeiter, Angestellte mit Berufsabschluss und Beamte im mittleren Dienst häufiger einen Gewerkschaftsausweis in der Tasche als ungelernte Kräfte und Hochqualifizierte wie Meister oder Beamte im höheren Dienst.

Problematisch ist auch, dass die Gewerkschaften vergleichsweise wenige Arbeitnehmer aus kleinen und mittleren Betrieben gewinnen können. Denn in diesen Firmen fehlt häufig ein Betriebsrat und damit die geeignete Infrastruktur, um dort besser Fuß zu fassen.

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