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Wirtschaftswunder Irland?

Irland hat 2015 den Wachstumsvogel abgeschossen. Das Bruttoinlandsprodukt der Insel hat dermaßen kräftig zugelegt, dass ketzerische Stimmen schon einen Rechenfehler vermuteten. Doch dem scheint nicht so – und das Wachstum steht auch nicht nur auf dem Papier, sondern es kommt den Iren tatsächlich zugute.

Kernaussagen in Kürze:
  • Irlands Wirtschaft ist 2015 um rekordverdächtige 26 Prozent gewachsen.
  • Dahinter steckt unter anderem die Verlagerung von Firmensitzen auf die grüne Insel aufgrund ihres fast konkurrenzlos niedrigen Unternehmenssteuersatzes.
  • Die Iren profitieren davon durch eine niedrigere Staatsschuldenquote und höhere Löhne.
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26 Prozent. Um diesen Prozentsatz ist die irische Wirtschaft 2015 gewachsen. Nicht binnen zehn Jahren oder seit der Finanzkrise, sondern innerhalb eines Jahres. So richtig glauben mochte diese Zahl niemand, als das irische Zentralamt für Statistik sie bekannt gab.

Das Wirtschaftswachstum der Iren übertrifft den Durchschnitt des Euroraums um mehr als den Faktor zehn.

Auf Platz zwei des Wachstumsrankings der Euro-Länder folgt mit riesigem Abstand eine weitere englischsprachige Insel, Malta, dessen reales Bruttoinlandsprodukt 2015 um 6 Prozent zugelegt hat. Deutschlands Wirtschaft dagegen ist 2015 gerade einmal um 1,7 Prozent gewachsen (Grafik).

Bisher hat jedoch niemand die so utopisch scheinende irische Wachstumsrate revidiert oder dementiert. Was aber steckt hinter dem vermeintlichen Wirtschaftswunder? Volkswirtschaftlich betrachtet fungierten zwei Größen als Wachstumstreiber: die Exporte und die Investitionen, die 2015 ebenfalls jeweils um mehr als 30 beziehungsweise 25 Prozent gegenüber 2014 gewachsen sind.

Exporte und Investitionen waren Irlands Wachstumstreiber im Jahr 2015.

Die Zunahme der Investitionen wiederum ist nach Angaben des Statistikamts Eurostat darauf zurückzuführen, dass multinationale Konzerne ihren Firmensitz auf die grüne Insel verlegt haben. Aus datenschutzrechtlichen Gründen nennt Eurostat keine Namen, sondern spricht lediglich von großen internationalen Unternehmen.

Obwohl das einst als keltischer Tiger bezeichnete Irland jene Steuerschlupflöcher geschlossen hat, für die es jahrelang gescholten wurde, ist der Unternehmenssteuersatz mit 12,5 Prozent nach wie vor fast konkurrenzlos niedrig in Europa. Dies macht Irland attraktiv als Standort für viele internationale Unternehmen und deren Europazentralen oder -töchter.

Auch wenn es so scheint – hinter dem immensen irischen Wachstum steckt mehr als ein Strohfeuer. Durch die massive Headquarter-Ansiedlung ist Irlands Kapitalbestand stark gestiegen. Die Insel macht 2016 und in den kommenden Jahren also auf neuem – und vor allem höherem – Niveau weiter. Und auch dessen positive Effekte wirken fort: So ist die Staatsverschuldung Irlands von 108 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2014 auf knapp 94 Prozent 2015 gesunken. Das ist schon deshalb von Vorteil, weil sich ein Staat generell umso günstiger am Kapitalmarkt refinanzieren kann, je niedriger seine Schuldenquote ist.

Die irische Staatsverschuldung ist von 108 Prozent des BIP im Jahr 2014 auf knapp 94 Prozent 2015 gesunken.

Auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich dagegen noch keine Spuren des rekordverdächtigen Wachstums. Die Zahl der Erwerbstätigen ist nahezu unverändert geblieben. Gleichwohl haben die Iren profitiert: Die Löhne und Gehälter sind zuletzt immerhin um gut 5 Prozent gestiegen.

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