Wirtschaftswachstum, aber keine Erholung
Steigende Exporte im ersten Halbjahr und hohe staatliche Investitionen lassen das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 2026 stärker wachsen als vermutet. Doch der Exporteffekt ebbt schon wieder ab und der private Konsum bleibt niedrig.
- Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich 2026 besser als noch im Frühjahr erwartet: Das IW rechnet mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von knapp 1,2 Prozent.
- Mehrere Indikatoren deuten jedoch stark darauf hin, dass der Anstieg nicht der Beginn eines breiten Aufschwungs ist, sondern eher von Sondereffekten lebt.
- Die für die Wirtschaft wichtigen privaten Investitionen bleiben weiterhin niedrig. Sie lagen im zweiten Quartal 2026 immer noch 11 Prozentpunkte unter dem Wert von 2019.
Die wirtschaftliche Bilanz für Deutschland fällt für 2026 besser aus als noch im Frühjahr erwartet: Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr von knapp 1,2 Prozent – das sind fast 0,8 Prozentpunkte mehr als in der vergangenen Prognose. Die höhere Dynamik ist auf zwei Ursachen zurückzuführen: Zum einen gab es im ersten Halbjahr Zuwächse in der Industrie und beim Export. Dieser Effekt beschränkte sich allerdings auf wenige Bereiche, in erster Linie profitierten die Chemie- und die Elektroindustrie. Zudem begünstigten Vorzieheffekte den Anstieg – Kunden zogen aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage also Bestellungen und Einkäufe vor.
Ein dauerhaftes Wachstum der Exporte ist demnach nicht zu erwarten, zumal die Dynamik schon wieder nachlässt.
Der zweite Treiber des überraschenden BIP-Wachstums sind die staatlichen Investitionen und höhere staatliche Konsumausgaben.
Das überraschende BIP-Wachstum für 2026 in Deutschland ist nicht der Beginn eines großen Aufschwungs, sondern das Ergebnis von Sondereffekten.
Doch mehrere Indikatoren deuten stark darauf hin, dass der Anstieg des BIP nicht der Beginn eines kräftigen und breit angelegten Aufschwungs der deutschen Wirtschaft ist, sondern eher von Sondereffekten lebt. Die Ergebnisse der IW-Prognose im Einzelnen:
Investitionen. Das Investitionsklima bleibt trotz der staatlichen Ausgaben weiterhin getrübt. Die geopolitischen Unsicherheiten durch den Ukraine-Krieg und den Konflikt zwischen den USA und dem Iran mit massiven Auswirkungen auf den internationalen Schiffsverkehr belasten die Unternehmen in Deutschland. Dazu hemmen die hohen Kosten für Energie und Arbeit die Investitionstätigkeit der hiesigen Wirtschaft. Das Ergebnis (Grafik):
Die privaten Investitionen lagen im zweiten Quartal 2026 immer noch 11 Prozentpunkte unter dem Wert von 2019. Das wird sich auch im Gesamtjahr nicht wesentlich ändern.
Durch die hohe Bedeutung privater Investitionen lagen die gesamten Bruttoanlageinvestitionen im ersten Halbjahr 2026 um 0,5 Prozent unter dem bereits schlechten Vorjahresvolumen. Im Frühjahr rechnete das IW noch mit einem Plus von 1,2 Prozent für das gesamte Jahr – jetzt mit einem Plus von 0,5 Prozent.
Während bei den Ausrüstungsinvestitionen ein Zuwachs von 1,8 Prozent erwartet wird, sinken die Bauinvestitionen 2026 trotz staatlicher Impulse um 1 Prozent und liegen damit 2 Prozentpunkte unter der Frühjahrsprognose. Gründe dafür sind vor allem der kriselnde Wohnungsbau sowie die steigenden Baukosten und Zinsen.
Konsum. Der gesamte Konsum profitiert derzeit vor allem von staatlichen Impulsen. Der private Konsum wächst dagegen 2026 real nur um 0,3 Prozent (Grafik). Wegen hoher Energiepreise und einer deshalb wieder höheren Inflation halten die Haushalte ihr Geld zusammen.
Arbeitsmarkt. Im Jahr 2026 werden in Deutschland rund 200.000 Personen weniger erwerbstätig sein als im Vorjahr. Weil sich aber der demografische Wandel bemerkbar macht, sind am Ende des Jahres nur rund 39.000 Personen mehr arbeitslos und damit insgesamt knapp drei Millionen.
Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent. Und noch eine Besonderheit gibt es auf dem Arbeitsmarkt: Da in diesem Jahr mehr Feiertage auf ein Wochenende fallen als 2025, steigt die Arbeitszeit pro Kopf. Unterm Strich nimmt das Arbeitsvolumen so trotz der Jobverluste um 0,1 Prozent zu.