Wiedervereinigung Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

"Wir dachten, die DDR sei wie Kalifornien"

Im Sommer 1990 prognostizierte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln der DDR-Wirtschaft auf Jahre hinaus hohe Wachstumsraten und steigende Steuereinnahmen. Die iwd-­Redaktion fragte Hans-Peter Fröhlich, stellvertretender IW-Direktor, warum es dann doch anders gekommen ist.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Juni 1990 rechnete das IW Köln noch damit, dass die ehemalige DDR in den kommenden zehn Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 7,7 Prozent erreichen könnte.
  • Diese Prognose erwies sich jedoch schnell als unrealistisch - weil damals niemand wusste, wie marode die DDR-Wirtschaft war.
  • Wie es um die Wirtschaft der DDR tatsächlich bestellt war, kam erst nach der Wiedervereinigung heraus.
Zur detaillierten Fassung

Im Juni 1990, also noch vor der deutschen Einheit, veröffentlichte das IW Köln eine Studie über die geplante Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. In den kommenden zehn Jahren, hieß es, sei „ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von real 7,5 Prozent“ in der DDR realistisch. Wenn Hans-Peter Fröhlich, der damals zum Thema internationale Wirtschaftspolitik forschte, das heute liest, muss er schon ein wenig lächeln.

„Wir hatten damals keine Ahnung, wie marode die DDR-Wirtschaft war. Allgemein glaubte man noch, die DDR sei nach den G7-Staaten die achtleis­tungsfähigste Volkswirtschaft der Welt, die Nummer eins im Osten sowieso und von der Wirtschaftskraft her ungefähr vergleichbar mit Kalifornien. Kein Geheimdienst, keine Institution hat gewusst, wie die Zahlen wirklich waren.“

Die meisten Ökonomen, erinnert sich Fröhlich, gingen davon aus, dass die Produktivität der DDR etwa einem Drittel des Westniveaus entsprach – und das passte recht gut zum Einkommensgefälle, das bei einem Umtauschkurs von 1 zu 1 ebenfalls 1 zu 3 betragen hätte.

Der Schock für die ostdeutsche Wettbewerbsfähigkeit war aber nicht die Umstellung von 1 zu 1, sondern die anschließenden Tarifangleichungen und der Zusammenbruch des Ostblocks. „In dieser Ländergruppe war die DDR technologischer Vorreiter und mit ihren Preisen auch wettbewerbsfähig – mit der Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 brach dieser Markt aber praktisch völlig zusammen“, erklärt Fröhlich.

Wie es um die Wirtschaft der DDR tatsächlich bestellt war, kam erst nach der Wiedervereinigung heraus, als ein Kassensturz den Staatshaushalt offenlegte und sich die tatsächliche Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft offenbarte – die sich als kompletter Sanierungsfall erwies, mit wettbewerbsunfähigen Unternehmen, maroder Infrastruktur und verseuchter Umwelt.

„Vorher hatte der Westen die Vorstellung, da existiere ein großes Volksvermögen, das privatisiert werden könne“, erinnert sich Fröhlich. Tatsächlich aber wollte kein Investor die vorhandenen Strukturen übernehmen, sondern man hat lieber auf der grünen Wiese neu gebaut.

Warum damals – vor dem Kassensturz – alle so euphorisch waren? Das kann der IW-Vize leicht erklären. "Man muss sich die Zeit in Erinnerung rufen: Wir waren gerade Fußballweltmeister geworden, Franz Beckenbauer sagte, wir seien auf Jahre hinaus unschlagbar – und diese Stimmung herrschte nicht nur auf dem grünen Rasen. Während damals fast die ganze Welt in eine Rezession rutschte, hatte Westdeutschland 1990 und 1991 Wachstumsraten von 5 Prozent. Wir sonnten uns im Einigungsboom und waren für kurze Zeit alle wie im Rausch."

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de