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Wie sinnvoll ist das G8?

Deutschlands Abiturienten waren lange Zeit im internationalen Vergleich auffallend alt. Die Einführung des Abiturs nach acht- statt neunjähriger Gymnasialzeit, die seit 2001 in den meisten Bundesländern vollzogen wurde, ist eine Reaktion auf diesen Befund. Der Protest gegen das „Turbo-Abi“ wird jedoch immer lauter. Zwei Kommentare beleuchten die Vor- und Nachteile des G8.

Kernaussagen in Kürze:
  • Nicola Beer, Generalsekretärin der FDP, befürwortet das Abitur nach acht Jahren Gymnasium, weil dadurch mehr Raum für die Bildung im Anschluss an die Schulzeit entsteht, etwa für Auslandsaufenthalte oder eine Berufsausbildung vor dem Studium.
  • Robert Rauh, Geschichtslehrer in Berlin, hält die Umstellung auf das G8 für unausgegoren, weil die Lehrpläne nicht entschlackt wurden und die langen Schultage außerschulische Aktivitäten verhindern.
Ja,
sagt
Nicola Beer,

Generalsekretärin der FDP

Das G8 gibt meinen Söhnen die Chance, die Schule ein Jahr früher zu beenden und mehr Zeit für Bildung außerhalb der Schule zu haben

Ich habe zusammen mit meinen Söhnen die Entscheidung getroffen, sie auf einem G8-Gymnasium anzumelden, das als Europaschule einen fremdsprachlichen Schwerpunkt mit vielen Austauschprogrammen pflegt. Die schönste Bestätigung für mich: Meine beiden 14-jährigen Söhne würden sich heute noch immer für diesen Weg entscheiden, weil er ihnen die Chance gibt, die Schule ein Jahr früher zu beenden und somit mehr Zeit für Bildung außerhalb der Schule zu haben – etwa für längere Auslandsaufenthalte, Berufsausbildung vor dem Studium, aber auch die Möglichkeit für ein soziales oder ökologisches Jahr.

Prinzipiell bedeutet G8 nicht weniger Bildung oder weniger Kindheit. Entscheidend für den Erfolg von G8 sind die richtigen Rahmenbedingungen vor Ort. Gute Lehrkräfte, ein kompetenzorientierter Unterricht und die Anpassung der Lehrpläne sind wichtige Instrumente, um den Schulalltag zu entzerren und die Schülerinnen und Schüler zu entlasten. Ein qualitativ gut gestalteter G8-Bildungsgang weckt Interesse an neuen Sachverhalten, er vermittelt Lust am Lernen und Kompetenzen wie kritisches Denken und problemorientiertes Herangehen.

Zu einer guten Unterrichtsorganisation gehört es auch, dass die Kinder und Jugendlichen mit fertigen Hausaufgaben nach Hause gehen und so am Nachmittag Freizeit für Vereine, ehrenamtliches Engagement oder Entspannung haben. Meine Söhne haben neben der Schule stets noch ausreichend Zeit für ihre Hobbys und ihre Freunde.

 

Foto: Laurence Chaperon/FDP

Nein,
sagt
Robert Rauh,

Geschichtslehrer in Berlin

Das Problem ist die versäumte Reduzierung der Lehrplaninhalte und des Stundendeputats

Das Problem ist nicht die verkürzte Schulzeit, sondern die versäumte Reduzierung der Lehrplaninhalte und des Stundendeputats. G8-Schüler müssen in zwölf Jahren genauso viele Schulstunden absolvieren wie ihre G9-Vorgänger. Siebtklässler bewältigen deshalb zum Teil eine 45-Stunden-Woche. Die Folgen dieses Turbo-Abiturs sind fatal: Immer mehr Schüler klagen über permanenten Schulstress und weniger Freizeit. Der lange Schultag und die vielen Hausaufgaben verdrängen den Besuch eines Sportvereins oder der Musikschule. Abends wird mit den Eltern gebüffelt, statt ins Kino zu gehen, zu spielen oder einfach mal nichts zu machen.

Interessant ist auch, dass die Rechnung von Politik und Wirtschaft für G8 nicht ganz aufzugehen scheint. Denn immer mehr Schüler wiederholen in der Oberstufe freiwillig ein Schuljahr, weil sie sich dem Druck nicht mehr gewachsen fühlen oder ihre Leistungen verbessern wollen. Ungeachtet dessen steigt die Zahl der Abiturienten, die nach ihrer Schulkarriere nicht gleich studieren, sondern beispielsweise ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren.

Die Politik hat es versäumt, die Curricula angesichts einer sich revolutionär verändernden Wissenschaftsgesellschaft auf den Prüfstand zu stellen. Daher braucht es entweder eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren oder eine Kürzung der Lehrplaninhalte und des Stundendeputats. Um ein ewiges Reform-Hin-und-Her zu vermeiden, sollte an allen Schulformen und in allen Bundesländern eine Wahlmöglichkeit für G8 oder G9 bestehen.

 

Foto: Silvia von Eigen

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