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Klimapolitik Lesezeit 4 Min.

Wie Klimaschutz und Industriepolitik gemeinsam funktionieren können

Geopolitische Spannungen, militärische Konflikte, Protektionismus – die EU muss sich an diese Herausforderungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene anpassen. Das gilt auch für ihre Klimapolitik. Die EU-Kommission will den dafür zentralen Emissionshandel umstellen. Es braucht aber mehr als das, um die Industrie in der EU nicht zu gefährden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die EU will ihren Emissionshandel reformieren. Einerseits soll die Vergabe kostenloser Zertifikate eingeschränkt werden, andererseits plant die EU einen sogenannten Klimazoll für bestimmte Importe.
  • Dabei gilt es aber, die Industrie im Blick zu behalten. Die Neuerungen könnten für einige Industriestandorte in der aktuell schon angespannten Situation existenzgefährdend sein.
  • Das IW spricht sich daher für eine langsamere Verringerung der jährlichen Zertifikatsmenge und eine längere freie Zuteilung aus. Außerdem sollte die Transformation durch Investitionen in moderne Strom- und Wasserstoffnetze flankiert werden.
Zur detaillierten Fassung

Bis 2050 soll die Wirtschaft in der europäischen Union klimaneutral sein – dieses ehrgeizige Ziel verfolgt die Staatengemeinschaft mit dem Green Deal. Deutschland, das bereits 2045 klimaneutral sein will, liegt auf dem europäischen Weg, so zeigen Daten des Umweltbundesamts, aktuell im Soll (Grafik):

So viele Millionen Tonnen CO2 wurden in der Bundesrepublik ausgestoßen Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Ein zentrales Instrument, um die Transformation in der EU zu steuern, ist das europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS). Mittels CO2-Zertifikaten will die EU schrittweise den Treibhausgasausstoß reduzieren. Das Prinzip: Für den Ausstoß von CO2 werden Zertifikate für die Energiewirtschaft und die Industrie versteigert und können gehandelt werden. Außerdem wird ein Teil der Zertifikate kostenlos an die Industriebetriebe ausgegeben, um zu verhindern, dass Unternehmen ihre Produktion in Länder ohne CO2-Bepreisung verlagern.

Die Menge der gesamten Zertifikate sinkt sukzessive, bis im Jahr 2050 die Klimaneutralität erreicht ist.

So weit der Plan. Doch das ETS lässt sich nicht isoliert betrachten. Eine ganze Reihe von äußeren Einflussfaktoren, die etwa zu hohen Energiepreisen geführt haben, spielt eine wichtige Rolle. Die EU-Kommission reagiert nun darauf und will den Emissionshandel neu aufstellen. Einerseits soll die Vergabe kostenloser Zertifikate eingeschränkt werden, andererseits soll ein sogenannter Klimazoll für außereuropäische Grundstoffe wie Stahl und Zement die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Betriebe gewährleisten.

Damit allein ist es aber nicht getan, da das Emissionshandelssystem die einzelnen Industriezweige in sehr unterschiedlichem Maß betrifft und die Neuerungen für einige Industriestandorte in der aktuell schon angespannten Situation existenzgefährdend sein könnten.

Um die Klimaziele in der EU im Blick zu behalten, aber gleichzeitig auch der Industrie die Chance zu geben, diese zu erreichen, braucht es ein wirksames Maßnahmenpaket.

Das IW hat daher zusammen mit dem Öko-Institut einen ganzheitlichen Ansatz entwickelt, der die Klimaziele im Blick behält und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür schafft, dass die Industrie sie erreichen kann. Denn die Transformation muss im laufenden Betrieb gelingen. Die Betriebe müssen ihre Anlagen umrüsten und parallel mit den noch auf fossiler Energiebasis hergestellten Produkten die Nachfrage decken sowie die finanziellen Mittel für die Transformation erwirtschaften. Klimapolitik ist deshalb auch Industriepolitik.

Ein wirksames Maßnahmenpaket muss auf drei Ebenen ansetzen:

1. EU-ETS-Reform: Das Emissionshandelssystem sollte flexibler werden – etwa durch eine langsamere Verringerung der jährlichen Zertifikatsmenge und eine längere freie Zuteilung, solange nicht klar ist, ob der geplante Klimazoll wirklich vor Wettbewerbsnachteilen schützt.

2. Flankierende Instrumente: Um klimafreundliche Produktion parallel zu bestehenden konventionellen Anlagen aufzubauen, braucht es geeignete Rahmenbedingungen: den Aufbau zentraler Infrastrukturen wie moderner Strom- und Wasserstoffnetze, eine gezielte Förderung industrieller Prozesse sowie Nachfrageimpulse für grüne Produkte – etwa durch Quoten in der öffentlichen Beschaffung oder Kennzeichnungslabels.

3. Externe Faktoren: Fernab des CO2-Preises muss die Europäische Union Antworten auf weitere Herausforderungen finden. So belasten die Unterbewertung der chinesischen Währung Yuan, US-Zölle, langwierige bürokratische Prozesse und die schleppende Digitalisierung die industrielle Transformation.

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