Wer pflegt, braucht eher mehr Zeit als mehr Geld
Knapp 5,7 Millionen Bundesbürger kümmern sich privat um pflegebedürftige Mitmenschen – meist Kinder, Partner oder Eltern. Betrachtet man die Haushalte von Pflegenden, sind ihre Einkommen oft kaum niedriger als die der übrigen Bundesbürger. Wer pflegt und dabei noch arbeitet, braucht also nicht in erster Linie finanzielle Entlastung, sondern mehr zeitliche Flexibilität.
- Im Jahr 2022 erzielten privat Pflegende im Schnitt ein sogenanntes Nettoäquivalenzeinkommen von 2.241 Euro je Monat – in Haushalten ohne pflegende Personen war das entsprechende Einkommen nur 42 Euro höher.
- Die Armutsgefährdungsquote von privat Pflegenden war 2022 mit 15,85 Prozent nur wenig höher als jene von Nichtpflegenden.
- Eine Politik, die privat pflegende Menschen stärker unterstützen will, sollte daher nicht in erster Linie am Geld ansetzen, sondern pflegenden Erwerbstätigen mehr zeitliche Flexibilität im Job einräumen.
Essen reichen, beim Anziehen helfen, zum Arzt begleiten, Einkäufe übernehmen und so weiter – wer sich um pflegebedürftige Angehörige oder Freunde kümmert, hat jede Menge um die Ohren. Kommen zu den Sorgen um die Lieben dann auch noch Geldprobleme hinzu, wird es richtig hart. Anlass genug für das IW, die finanzielle Situation von jenen Menschen in Deutschland unter die Lupe zu nehmen, die im privaten Rahmen pflegen.
Diese Gruppe ist alles andere als klein, wie die Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigen (Grafik):
Im Jahr 2022 leisteten 5,65 Millionen Privatpersonen in Deutschland Pflegetätigkeiten – mit 2,57 Millionen war annähernd die Hälfte von ihnen zwischen 50 und 65 Jahre alt.
Überwiegend sind es Frauen, die privat pflegen, in der Altersgruppe der 18- bis unter 50-Jährigen gibt es mit 1,07 Millionen sogar fast doppelt so viele pflegende Frauen wie Männer.
Die Vermutung liegt nahe, dass vor allem jene Personen, die über einen längeren Zeitraum Familienmitglieder pflegerisch betreuen, im Job zurückstecken wollen oder müssen. Tatsächlich arbeiteten im Jahr 2022 nur knapp 45 Prozent aller Pflegenden im Alter zwischen 18 und 65 Jahren in Vollzeit – gegenüber gut 54 Prozent der Nichtpflegenden. Die Anteile der Teilzeitbeschäftigten und nicht Erwerbstätigen waren bei den Pflegenden dagegen höher.
Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass zwischen den individuellen Einkommen von Pflegenden und Nichtpflegenden ein Gefälle besteht:
Im Jahr 2022 betrug das durchschnittliche Bruttoerwerbseinkommen der 18- bis 49-Jährigen, die privat pflegen, 3.023 Euro je Monat – das waren fast 600 Euro weniger als bei jenen, die keine Pflegeverantwortung hatten.
In der Gruppe der 50- bis unter 66-Jährigen war der Einkommensunterschied mit knapp 700 Euro sogar noch etwas größer. Das ist insofern plausibel, als sich der Anteil der Vollzeitbeschäftigten zwischen pflegenden und nicht pflegenden über 50-Jährigen besonders stark unterscheidet. Vor allem die pflegenden Männer dieser Altersgruppe sind in deutlich geringerem Umfang erwerbstätig als jene ohne Pflegeverpflichtungen.
Der Blick auf die bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen zeigt, dass Menschen, die privat pflegen, im Schnitt kaum weniger Geld zur Verfügung haben als Menschen in Haushalten, in denen niemand pflegerisch tätig ist.
Die individuellen Bruttoerwerbseinkommen erlauben allerdings keine vollständige Aussage darüber, wie es privat Pflegenden tatsächlich finanziell geht. Denn wer beispielsweise aufgrund des Pflegeaufwands für ein Kind seine Arbeitszeit reduziert, hat möglicherweise einen Partner, der sein Pensum aufstocken und so die Einkommenseinbußen ausgleichen kann. Daher ist es sinnvoll, die bedarfsgewichteten Haushaltseinkommen in den Blick zu nehmen – und zwar in einer Nettobetrachtung, die auch staatliche Transfers wie etwa das Pflegegeld miteinbezieht.
Diese Zahlen liefern dann auch einen deutlich anderen Befund (Grafik):
Im Durchschnitt erzielten die privat Pflegenden über alle Altersgruppen hinweg im Jahr 2022 ein sogenanntes Nettoäquivalenzeinkommen von 2.241 Euro je Monat – das waren nur 42 Euro weniger als das entsprechende Einkommen von Menschen in Haushalten, in denen niemand pflegerisch tätig ist.
Bei Personen im Erwerbsalter fällt der Unterschied bei den bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen mit zuletzt 66 Euro zwar etwas größer aus, doch nur in der Gruppe der unter 50-Jährigen lässt sich überhaupt ein Einkommensunterschied feststellen, der ökonomisch und statistisch relevant ist. Die Einkommensdifferenzen werden dabei umso größer, je mehr Zeit die Pflegenden für die von ihnen betreuten Personen aufbringen.
Pflegende Erwerbstätige sollten ihr Engagement zeitlich besser mit ihrem Job vereinbaren können
Generell unterscheiden sich die Einkommensverhältnisse zwischen Pflegenden und Nichtpflegenden aber nur unwesentlich. Zu diesem Befund passt auch, dass Menschen, die sich privat um Pflegebedürftige kümmern, kaum häufiger von Armut bedroht sind:
Der Anteil jener, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens verfügen, lag 2022 in der Gruppe der Nichtpflegenden bei 15,25 Prozent – unter den Pflegenden war die Armutsgefährdungsquote mit 15,85 Prozent nur geringfügig höher.
All dies legt nahe, dass eine Politik, die privat pflegende Menschen stärker unterstützen will, nicht in erster Linie am Geld ansetzen muss. Hilfreich wären vielmehr Maßnahmen, die es ermöglichen, dass pflegende Erwerbstätige ihr privates Engagement zeitlich besser mit ihrem Job vereinbaren können. Hierzu könnte der Wechsel von einer täglichen zu einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit, wie ihn die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag vorsieht, einen Beitrag leisten.