Lohn- und Einkommensmobilität Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Wer arm ist, muss es nicht bleiben

Die Chance, in die Mittelschicht aufzusteigen, hat sich in den vergangenen Jahren wieder erhöht. Mehr als jeder vierte Einkommensbezieher ist 2011 aus der untersten Einkommensschicht zumindest in die nächsthöhere aufgestiegen – in der Krise 2009 war es nur jeder fünfte. Der beste Weg nach oben ist ein Job.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Chance, in die Mittelschicht aufzusteigen, hat sich in den vergangenen Jahren wieder erhöht.
  • Vom Auf und Ab auf der Lohnskala sind jeweils jährlich 24 Prozent aller Erwerbstätigen betroffen.
  • Während im Krisenjahr 2009 nur jeder fünfte Bundesbürger den untersten Einkommensbereich verlassen hat, war es 2011 mehr als jeder vierte.
Zur detaillierten Fassung

Regelmäßig vor Wahlen kocht das Thema soziale Gerechtigkeit hoch, so auch jetzt wieder, fünf Monate vor der Bundestagswahl. Dabei ist allen ziemlich klar, dass es eine absolut gerechte Gesellschaft nicht gibt, nicht geben kann. Wie viel soziale Ungleichheit eine Gesellschaft akzeptiert, hängt nach Auffassung von Soziologen nicht zuletzt davon ab, welche Chance der Einzelne hat, in der sozialen Hierarchie aufzusteigen. Wer selbst reich werden kann, akzeptiert Reichtum eher als jemand, der keinerlei Aufstiegschancen hat – diese Menschen rufen dann oft nach Umverteilung.

Wie sich die Aufstiegschancen der Bundesbürger entwickelt haben, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) jetzt auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels ermittelt. Dabei werden die Lohn- und Einkommensbezieher in fünf gleich große Gruppen eingeteilt (Kasten).

1. Lohnmobilität. Wer heute wenig verdient, kann schon morgen einen Job bekommen, der ihn aus der untersten Lohnschicht nach oben befördert – eine Erfahrung, die im Jahr 2011 immerhin gut jeder vierte Erwerbstätige gemacht hat (Grafik). Insofern kann der Niedriglohnsektor ein gutes Sprungbrett sein.

Außerdem bietet die Arbeitswelt von heute alle Möglichkeiten, die eigenen finanziellen Verhältnisse zu verbessern, indem man sich einen besser bezahlten Job sucht, sich weiterbildet oder auf der Karriereleiter nach oben steigt.

Denn wer sich bei seiner Ausbildung ins Zeug legt, hat allemal die besseren Karrierekarten – was sich letztlich auch in Euro und Cent auszahlt (Grafik). Von den Beschäftigten mit Universitätsabschluss steigen – weil sie sich zum Beispiel beruflich verbessern – im Durchschnitt 42 Prozent aus dem untersten Lohnfünftel in die Mittelschicht oder sogar noch höher auf. Ähnliches gilt für FH-Absolventen. Am schlechtesten sind die Perspektiven für Arbeitnehmer, die gar keinen Abschluss haben.

Auf der anderen Seite müssen Mitarbeiter gelegentlich finanzielle Abstriche in Kauf nehmen – wenn zum Beispiel Kurzarbeit angesagt ist oder sie ihre Stelle aufgrund einer Betriebsaufgabe ganz verlieren.

Vom Auf und Ab auf der Lohn­skala sind jeweils jährlich 24 Prozent aller Erwerbstätigen betroffen.

2. Einkommensmobilität. Der Begriff des Einkommens umfasst alle Einkünfte eines Haushalts – angefangen vom Lohn über Vermögenserträge und Mieteinnahmen bis hin zu staatlichen Transfers wie dem Kindergeld. Während bei der Lohnmobilität nur Erwerbstätige betrachtet werden, berücksichtigt die Einkommensmobilität auch Arbeitslose, Rentner und Studenten.

Die IW-Analyse zeigt, dass heute weniger Personen ihren Einkommensbereich wechseln als früher. Dabei ist die Gefahr, abzusteigen, geringer geworden. Menschen aus der untersten Einkommensschicht hatten zuletzt wieder größere Chancen, nach oben zu klettern.

Während im Krisenjahr 2009 nur jeder fünfte Bundesbürger den untersten Einkommensbereich verlassen hat, war es 2011 mehr als jeder vierte.

Dieses Ergebnis überrascht nicht unbedingt, denn in wirtschaftlich besseren Zeiten wagen die Menschen eher einen neuen Anfang – sie wechseln die Arbeitsstelle oder gar den Beruf. Auch Arbeitslose erhalten vermehrt die Chance, wieder einzusteigen, und müssen sich nicht mehr mit Arbeitslosengeld II bescheiden.

Dementsprechend haben Menschen, die wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können, im Vergleich zu allen anderen eine dreimal so hohe Chance, ihre Einkommensposition zu verbessern. Spiegelbildlich ist die Gefahr abzurutschen bei den erstmals oder wieder Erwerbstätigen ein Drittel niedriger als bei den übrigen Personen. Auch dieser Befund belegt, dass eine Belebung des Arbeitsmarktes ein effektives Mittel gegen Armut ist, selbst wenn dies zunächst mit einem Niedriglohnjob verbunden sein sollte.

Überdies sind nur 17 Prozent der Niedriglohnbezieher arm. Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Aufstocker, also der Arbeitnehmer, die ihren Lohn mit Arbeitslosengeld II ergänzen müssen, nimmt beständig ab. Nur 290.000 Vollzeitbeschäftigte beantragen derzeit Unterstützung beim Jobcenter. Das sind 1,4 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten und 50.000 weniger als vor vier Jahren.

Holger Schäfer / Jörg Schmidt / Christoph SchröderLohn- und Einkommensmobilität in Deutschland - Ursachen, Interdependenzen und empirische BefundeIW-Trends 1/2013

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de