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Weniger Staat ist gut für die Tarifbindung

Für immer weniger Betriebe und Beschäftigte gelten Flächentarifverträge. Im Jahr 2015 regelten sie nur noch für 48 Prozent der Arbeitnehmer die Löhne und Arbeitsbedingungen – so wenig wie noch nie seit den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Der Blick in die Historie zeigt, wie das Tarifvertragswesen wieder flottgemacht werden könnte.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2015 galten in Westdeutschland nur noch für 51 Prozent aller Beschäftigten Flächentarifverträge.
  • In Ostdeutschland galt die Tarifbindung sogar nur für 37 Prozent der Beschäftigten.
  • Statt der Tarifparteien mischt sich der Staat immer öfter ein.
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Prozentforderungen, Warnstreiks, Arbeitskampfrhetorik: Tarifverhandlungen sind Rituale, die zur deutschen Arbeitswelt gehören. Doch die Kompromisse, die Gewerkschaften und Arbeitgeber dabei am Ende aushandeln, sind für immer weniger Beschäftigte relevant. Von Jahr zu Jahr nimmt die sogenannte Tarifbindung ab (Grafik):

Im Jahr 2015 galten in Westdeutschland laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nur noch für 51 Prozent aller Beschäftigten Flächentarifverträge. Das waren 2 Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor.

Obwohl die Flächentarifbindung im Osten um 1 Prozentpunkt auf 37 Prozent stieg, sank die Quote für Deutschland insgesamt nach Berechnungen des IW Köln von 50 auf 48 Prozent.

Die Vorteile der Tarifpartnerschaft

Zwar gibt es neben den tarifgebundenen Firmen eine Reihe von Betrieben, die sich freiwillig an den Konditionen der Branchentarifverträge orientieren. Aber auch diese Ausstrahlung der tarifvertraglichen Standards hat nachgelassen, vor allem in Ostdeutschland.

Die sinkende Akzeptanz des Flächentarifs ist erstaunlich – angesichts der vielen Vorteile, die eine funktionierende Tarifpartnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern seit Jahrzehnten bietet:

Die Betriebe müssen nicht jeden Arbeitsvertrag individuell aushandeln. Das spart Kosten.

Während der Vertragslaufzeit herrscht Friedenspflicht. Sie schützt vor Streiks und damit Produktionsausfällen und schafft branchenweit Planungssicherheit.

Der betriebsübergreifende Geltungsbereich verhindert, dass sich einzelne Betriebe Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Konkurrenten verschaffen, indem sie zulasten der Arbeitnehmer die Löhne senken.

Der Flächentarif hat viele Vorteile – trotzdem machen immer weniger Betriebe mit

Aufgrund dieser Vorteile haben sich Tarifverträge in Deutschland von 1871 bis 1918 etabliert und dann vor allem nach 1949 zu dem Standard entwickelt, der die Arbeitsbedingungen der meisten Beschäftigten regelte. Vor allem seit dem Stinnes-Legien-Abkommen vom November 1918 verdrängten dabei die regionalen oder deutschlandweiten Vereinbarungen die lokalen/örtlichen oder betriebsbezogenen Vertragsformen. Flächentarifverträge prägten auch die Bundesrepublik lange Zeit. Seit 1993 ist dieses Vertragsmodell auf dem Rückzug.

Für die heutigen Tarifpartner ist es lehrreich zu sehen, wie ihre Vorgänger aus solchen Krisen herausgekommen sind. Denn der Flächentarif hat eine bereits wechselhafte Geschichte hinter sich:

Nach den Weltkriegen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg geriet die Tarifpartnerschaft in die Krise. Das zeigte sich vor allem an einer zunehmenden Härte der Arbeitskämpfe, woraufhin der Staat sogar als Zwangsschlichter eingriff. Nach 1933 entzog der NS-Staat den Tarifpartnern die Zuständigkeit und bestimmte die Löhne durch Tarifordnungen selbst (Grafik). Ab 1949 besannen sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf die Vorteile des Flächentarifs und handelten die Arbeitsbedingungen wieder autonom, also unter sich aus.

Nach dem Wirtschaftswunder. Im Gefolge des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er und 1960er Jahre blieben die Tariflöhne in vielen Jahren hinter den tatsächlich gezahlten Löhnen zurück. Viele Betriebe konnten es sich leisten, über Tarif zu bezahlen. So verdienten Arbeiter in der Autoindustrie des Jahres 1970 bis zu 60 Prozent mehr, als ihr Tarifvertrag für sie vorsah. Als die Gewerkschaften versuchten, diesen Rückstand durch drastische Tarifforderungen aufzuholen, also die sogenannte „Tarifwahrheit“ herzustellen, begann die Tarifflucht der Unternehmen.

Nach der Wiedervereinigung. Für viele Betriebe, besonders die kleinen, gaben die Tarifverträge inzwischen ein zu hohes Lohnniveau vor. Sie traten deswegen aus dem Arbeitgeberverband aus oder blieben Mitglied ohne Tarifbindung. Obwohl in vielen Branchen betriebsnahe Öffnungsklauseln eingeführt wurden, hält die Tarifflucht bis heute an. Sie hinterlässt immer mehr Arbeitsverhältnisse, die nicht tarifpolitisch geregelt sind. Anstelle der Tarifparteien hat die Regierung damit begonnen, dieses Feld zu beackern, etwa mithilfe des Mindestlohns – wodurch die Bedeutung der Tarifpartner noch weiter schwindet.

Um diesen Trend zu stoppen und die Verbreitung von Flächentarifverträgen wieder zu stärken, sollten die Tarifpartner künftig mehr Rücksicht auf die ertragsschwächeren Betriebe nehmen. Dafür könnten sie zum einen noch mehr Anpassungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene vereinbaren. Zum anderen sollten sich die Lohnsteigerungen an der Ertragskraft der nicht so starken Betriebe orientieren.

Mehr sozialer Friede durch weniger Staat

Seit den 1970er Jahren gilt hier der Branchendurchschnitt als Orientierungspunkt der Tarifverhandlungen. Darum fällt der Tarifabschluss für die untere, weniger leistungsfähige Hälfte der Firmen automatisch zu hoch aus. Den Flächentarifvertrag nun für diese Betriebe maßzuschneidern, würde ihn für andere wieder attraktiv machen. Weg vom Maximalstandard für wenige, hin zur Mindestbedingung für viele: Damit würde ein Prinzip wiederhergestellt, das der Akzeptanz von Flächentarifverträgen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sehr dienlich war.

Und auch das ist eine Lehre der Geschichte: Je mehr Branchen und Unternehmensbelange die Tarifpartner im Konsens selbst regulieren, desto weniger fühlt sich der Staat dazu berufen – und desto größer ist der soziale Frieden.

Die Studie

IW-Analysen Nr. 107, Hagen Lesch, Dennis Byrski: Flächentarifvertrag und Tarifpartnerschaft in Deutschland. Ein historischer Rückblick

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