Tarifpolitik Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

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In wenigen Tagen beginnen die Tarifverhandlungen für die 550.000 Beschäftigten in der Chemischen Industrie. Nach Jahren mit kräftigen Lohnsteigerungen und deutlichem Reallohnplus ist der Verteilungsspielraum diesmal äußerst begrenzt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Industriegewerkschaft Bergbau, Energie, Chemie fordert für die Tarifrunde ab dem 26. Januar 2015 4 bis 5 Prozent mehr Lohn und eine Arbeitszeitentlastung für ältere Arbeitnehmer.
  • Die Konjunkturprognosen sind allerdings ziemlich bescheiden: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erwartet für 2015 nur noch ein reales Wirtschaftswachstum von 1 Prozent.
  • Auch in der Chemischen Industrie sind die Geschäftserwartungen seit dem Frühjahr 2014 deutlich verhaltener.
Zur detaillierten Fassung

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Energie, Chemie fordert für die diesjährige Tarifrunde ab dem 26. Januar 4 bis 5 Prozent mehr Lohn und eine Arbeitszeitentlastung für ältere Arbeitnehmer. Zwar hält sich die Gewerkschaft damit verglichen mit früheren Forderungen zurück. Gemessen an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind die Vorstellungen jedoch ambitioniert, denn die Konjunkturprognosen sind ziemlich bescheiden:

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erwartet für 2015 nur noch ein reales Wirtschaftswachstum von 1 Prozent.

Auch in der Chemischen Industrie sind die Geschäftserwartungen seit dem Frühjahr 2014 deutlich verhaltener. Laut Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) rechnen die Chemieunternehmen für das laufende Jahr zwar mit leicht höheren Umsätzen als 2014, aber auch mit geringeren Investitionen (vgl. iwd 1/2015). In den Augen der Betriebe bleibt die wirtschaftliche Dynamik niedrig und die Risiken sind weiterhin hoch.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass seit 2008 – die Krisenjahre ausgenommen – hohe Tariflohnzuwächse vereinbart wurden (Grafik). Sie lagen deutlich über der Teuerungsrate und bescherten den Beschäftigten über Jahre hinweg ein kräftiges reales Einkommensplus. Im Gegenzug stiegen die Arbeitskosten in der westdeutschen Chemischen Industrie zwischen 2011 und 2013 bei weitgehend stagnierender Produktivität um mehr als 13 Prozent, in Ostdeutschland sogar um nahezu 20 Prozent. Setzt sich diese Entwicklung fort, schadet dies der Wettbewerbsfähigkeit der Firmen und gefährdet Arbeitsplätze.

Der lohnpolitische Verteilungsspielraum in der Branche ist daher zurzeit begrenzt. Die Produktivität wächst weiterhin nur langsam, was auch daran liegt, dass die Unternehmen hierzulande trotz des mageren Wachstums immer weiter neue Mitarbeiter eingestellt haben.

Steigende Lohnkosten können zudem kaum auf die Güterpreise abgewälzt werden. Die Erzeugerpreise für das Verarbeitende Gewerbe waren in den vergangenen Quartalen tendenziell rückläufig, die Ausfuhrpreise stagnieren. Lohnerhöhungen, die das schwache Produktivitätswachstum übersteigen, gehen damit voll zulasten der Erträge, sodass die Unternehmen entsprechend weniger investieren. Und auch die Inflation, die von den Gewerkschaften gern zur Begründung ihrer Lohnforderungen herangezogen wird, ist kein Anlass für mehr Geld: Die Verbraucherpreise stiegen 2014 um gerade einmal 0,9 Prozent – und werden auch dieses Jahr nur leicht zunehmen.

Die Chemiegewerkschaft fordert zudem eine Drei- bis Viertagewoche für Beschäftigte, die 60 Jahre oder älter sind. Das widerspricht den Erfordernissen des demografischen Wandels. Ziel einer demografiefesten Arbeitszeitpolitik muss sein, viele Ältere so lange wie möglich im Job zu halten – etwa durch flexible Arbeitszeiten. Neue Frühverrentungsmodelle gehen daran vorbei und sind für die Unternehmen mit finanziellen Belastungen verbunden.

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