Kaufkraftargument Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Wenig überzeugend

Sollten die Gewerkschaften in den aktuellen Tarifverhandlungen übermäßige Lohnerhöhungen durchsetzen, wäre das ohnehin geringe Wachstum der deutschen Wirtschaft gefährdet. Als Turbo für die Kaufkraft taugen Lohnzuwächse ohnehin kaum.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2015 kann Deutschland nur mit einem realen Wirtschaftswachstum von etwa 1 bis 1,5 Prozent rechnen, jede zusätzliche Belastung der Konjunktur verbietet sich da von selbst.
  • Die dennoch von mehreren Gewerkschaften geforderte üppige Lohnerhöhung würde der Konjunktur erheblichen Schaden zufügen.
  • Übermäßige Tariflohnsteigerungen treiben die Kosten für die Unternehmen in die Höhe, gefährden Jobs und kommen nur zu einem kleinen Teil der deutschen Wirtschaft zugute.
Zur detaillierten Fassung

Das Umfeld für die deutsche Wirtschaft ist derzeit alles andere als einfach. Die Krise zwischen der Ukraine und Russland schwelt nach wie vor und das Ergebnis der Wahlen in Griechenland setzt hinter die weitere Entwicklung im Euroraum neue Fragezeichen.

Zwar lassen die stark gefallenen Ölpreise den deutschen Verbrauchern mehr Geld für andere Ausgaben übrig und die Abwertung des Euro – unter anderem gegenüber dem Dollar – verbilligt deutsche Produkte in vielen Ländern (vgl. Seite 1-2). Die Kehrseite des schwächeren Euro ist aber, dass Deutschland mehr für importierte Konsum- und Vorleistungsgüter zahlen muss. Unter dem Strich heißt das:

In diesem Jahr kann Deutschland nur mit einem realen Wirtschaftswachstum von etwa 1 bis 1,5 Prozent rechnen.

Jegliche zusätzliche Belastung der Konjunktur verbietet sich da eigentlich von selbst.

Dennoch fordern mehrere Gewerkschaften derzeit üppige Tariflohnzuwächse (vgl. iwd 1/2015 und 4/2015). Als Begründung ist oft das sogenannte Kaufkraftargument zu hören. Demnach würden kräftige Lohnsteigerungen die Konjunktur im Inland stärken.

Dabei wird unterstellt, dass mit den individuellen Lohnerhöhungen auch die gesamtwirtschaftliche Lohn­summe wächst. Das würde den Konsum ankurbeln, was in der Konsumgüterindustrie für mehr Jobs und Investitionen sorge. Letzteres führe dann auch in den Investitionsgüterbranchen – also zum Beispiel im Maschinenbau – zu einer steigenden Produktion und zusätzlichen Arbeitsplätzen. Dies ließe die Summe aller Löhne und damit auch den Konsum weiter zunehmen.

Doch so überzeugend dies auf den ersten Blick klingen mag – bei näherem Hinsehen droht der Konjunktur eher ein erheblicher Schaden. Das hat mehrere Gründe:

  1. Steigende Kosten für die Unternehmen. Gehaltsanhebungen bedeuten für die jeweiligen Unternehmen höhere Produktionskosten – zusätzlich zur Verteuerung importierter Vorleis­tungen durch die Euro-Abwertung. Zugleich wird der Vorteil, den der schwache Euro den exportorientierten heimischen Industriebetrieben auf dem Weltmarkt beschert, durch die steigenden Lohnkosten zunichte gemacht.
  2. Drohende Arbeitsplatzverluste. Die geschwächte Wettbewerbsposition der Unternehmen durch höhere Löhne kann schließlich sogar zu einem Abbau von Jobs führen. Eventuell geht die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme dann sogar zurück und der Konsum schrumpft.
  3. Starke Sickereffekte. Doch auch wenn man den Blick auf den einzelnen Arbeitnehmer beschränkt, kommt dessen Lohnplus am Ende nur zu einem kleinen Teil der deutschen Wirtschaft zugute (Grafik):

Ein verheirateter Arbeitnehmer mit zwei Kindern, der 2.560 Euro brutto im Monat verdient, gibt von 100 Euro Lohnerhöhung im Schnitt nur 32 Euro für inländische Konsumgüter aus – bei einem Single sind es sogar nur 27,50 Euro.

Der „Rest“ fließt in Form von Steuern und Sozialabgaben an den Staat, wandert aufs Sparkonto oder landet durch den Kauf von Importgütern in den Kassen ausländischer Firmen.

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