Arbeitsmarkt 2017 31.01.2017 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Wanted: Jobs für Flüchtlinge

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt läuft es nach wie vor rund. Die Erwerbstätigkeit ist auf Rekordniveau und die Zahl der Arbeitslosen sinkt weiter. Über eines sollte das jedoch nicht hinwegtäuschen: Die Flüchtlinge von heute könnten Arbeitslose von morgen sein – wenn die Politik nicht gegensteuert.

Kernaussagen in Kürze:
  • 2016 war für Deutschland ein herausragendes Arbeitsmarkt-Jahr, und 2017 dürfte es laut der aktuellen Prognose des IW Köln noch einmal aufwärtsgehen.
  • Frei von Risiken ist der Arbeitsmarkt allerdings nicht: Die Herkulesaufgabe der kommenden Jahre wird die Integration der Flüchtlinge.
  • Dazu braucht es zunächst vor allem mehr einfache Jobs – Erleichterungen in der Mindestlohn- und Zeitarbeitsregulierung könnten dazu beitragen.
Zur detaillierten Fassung

Kaum jemand hat an 2016 ein gutes Haar gelassen, doch es war beileibe nicht alles schlecht. Im Gegenteil: Der Arbeitsmarkt feierte ein Jahr der Rekorde. Deutschland zählte im Schnitt 43,4 Millionen Erwerbstätige, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Binnen zwölf Monaten entstanden unterm Strich mehr als 400.000 neue Jobs, 40 Prozent davon sind Vollzeittätigkeiten.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg 2016 sogar um 600.000.

Das bedeutet im Gegenzug: Andere Beschäftigungsformen wie Minijobs und Selbstständigkeit sind deutlich rückläufig gewesen (siehe iwd.de: „Weniger Chefs und Chefinnen“).

Laut der aktuellen Konjunkturprognose des IW Köln könnte das Arbeitsmarkt-Jahr 2017 durchaus mit der 2016er Performance mithalten.

Der Abbau der Arbeitslosigkeit seit 2005, als fast 4,9 Millionen Bundesbürger auf Jobsuche waren, ist eine langjährige Erfolgsgeschichte. Von 2012 bis 2014 stagnierte die Arbeitslosenzahl zwar bei 2,9 Millionen. In den Jahren 2015 und 2016 ging sie dann aber jeweils um weitere 100.000 auf nunmehr 2,7 Millionen Jobsuchende zurück.

Allerdings ist die Arbeitslosigkeit weniger stark geschrumpft, als die Erwerbstätigkeit gestiegen ist. Denn die neuen Arbeitskräfte in Deutschland sind – zumindest wenn man den Saldo aus Arbeitsplatzaufbau und -abbau betrachtet – zum einen Zuwanderer und zum anderen Menschen, die zuvor nicht arbeiten wollten, die sogenannte Stille Reserve.

Laut der aktuellen Konjunkturprognose des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln könnte das Arbeitsmarkt-Jahr 2017 durchaus mit der 2016er Performance mithalten (siehe iwd.de: „Unsicherheit bremst die Wirtschaft“). Zwar wird das Wirtschaftswachstum etwas abflauen, doch die seit Jahren intakte konjunkturelle Dynamik schafft weiter Arbeitsplätze:

Rund 380.000 neue Jobs könnten 2017 entstehen.

Der Abbau der Arbeitslosigkeit jedoch droht gegen Ende des Jahres zäher zu werden, denn ab der zweiten Jahreshälfte werden immer mehr Flüchtlinge ihr Asylverfahren abschließen und auf den Arbeitsmarkt drängen.

Flüchtlinge könnten die Arbeitslosen von morgen sein

Zunächst werden viele Geflüchtete an Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen, zum Beispiel Integrations- und Sprachkurse besuchen oder Maßnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung absolvieren. Diese Menschen zählen nicht als Arbeitslose, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht unmittelbar zur Verfügung stehen.

Dass dies die Arbeitslosenstatistik entlastet, ist schon heute zu erkennen: Im Dezember 2016 gab es zwar 113.000 Arbeitslose weniger als im selben Vorjahresmonat. Die Zahl der Unterbeschäftigten jedoch, in der die Teilnehmer an Maßnahmen mitgezählt werden, nahm um 60.000 zu.

Die meisten neuen Stellenangebote richten sich an Fachkräfte – und kommen für Geflüchtete daher noch nicht infrage.

Bis zur Bundestagswahl wird es wohl so weitergehen. Früher oder später müssen die Flüchtlinge aber auf dem regulären Arbeitsmarkt bestehen. Einfach wird das nicht. Da viele von ihnen kaum verwertbare berufliche Qualifikationen mitbringen und die Qualifizierung Zeit braucht, kommen zunächst oft nur einfache Tätigkeiten infrage. Und die sind rar:

Schon heute suchen 1,2 Millionen Arbeitslose einen Job auf Helfer-Niveau, es sind aber nur 120.000 entsprechende Stellenangebote gemeldet.

Vom Arbeitsmarktboom der vergangenen Jahre haben Geringqualifizierte nur scheinbar profitiert: Es gibt zwar weniger geringqualifizierte Arbeitslose, weil die Bundesbürger insgesamt höher qualifiziert sind, neue einfache Jobs sind allerdings nicht entstanden – und die Unternehmen brauchen ohnehin immer weniger davon:

Die Arbeitsmarktstatistik zählt heute rund eine halbe Million Erwerbstätige ohne abgeschlossene Berufsausbildung weniger als 2006.

Die meisten neuen Stellenangebote richten sich an Fachkräfte – und kommen für viele Neu-Bundesbürger mit Fluchthintergrund daher noch nicht infrage.

Eine der wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Aufgaben für die nähere Zukunft besteht also darin, es den Betrieben leichter zu machen, einfache Jobs zu schaffen. Ein Ansatzpunkt wäre eine Lockerung des Mindestlohns in bestimmten Fällen. Einen Gang zurückschalten ließe sich auch in der Zeitarbeit, denn deren verschärfte Regulierung wirkt sich kontraproduktiv auf die Jobchancen von Geringqualifizierten aus. So müssen Zeitarbeitnehmer künftig nach neun Monaten genauso viel verdienen wie die Stammbelegschaft, was die Zeitarbeit spürbar verteuern und für die Unternehmen unattraktiver machen wird.

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