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Wachstumssäule bröckelt

In fast allen europäischen Ländern investieren Unternehmen und öffentliche Hand inzwischen deutlich weniger Geld in neue Produktionsanlagen und die Infrastruktur als vor Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise. Diesen Trend gilt es umzukehren, weil sonst Wachstumschancen verspielt werden. Damit potenzielle Investoren wieder Vertrauen in die Zukunft fassen, müssen die EU-Staaten vor allem ein glaubhaftes Konzept zum Abbau der Staatsschulden vorlegen.

Kernaussagen in Kürze:
  • In fast allen europäischen Ländern investieren Unternehmen inzwischen deutlich weniger in neue Produktionsanlagen und die Infrastruktur als vor Beginn der Wirtschaftskrise.
  • Die Bruttoanlageinvestitionen betragen 2013 im Euroraum voraussichtlich weniger als 18 Prozent des BIP - der niedrigste Wert seit Mitte der 1990er Jahre.
  • In Zypern, Griechenland und Irland sind die Investitionen seit 2008 um mehr als die Hälfte gesunken; in Spanien und Portugal verringerten sie sich um etwa 40 Prozent.
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Die jüngste Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank hat es noch einmal deutlich gemacht: Es läuft nicht rund mit der Wirtschaft in Europa. Zwar dürfte in vielen Krisenländern das Schlimmste vorbei sein (vgl. iwd 44/2013). Doch ein kräftiger Anstieg der Wirtschaftsleistung ist nirgendwo in Sicht.

In dieses nicht allzu erfreuliche Bild fügt sich auch die Entwicklung der Investitionen ein, die für das künftige Wirtschaftswachstum eine entscheidende Rolle spielen. Denn wo die Unternehmen neue Produktionskapazitäten schaffen oder bestehende Anlagen auf den neuesten Stand bringen und wo der Staat Geld in die Hand nimmt, um zum Beispiel die Verkehrswege auszubauen, werden die Grundlagen für das Wachstum von morgen gelegt.

Der Blick auf die Investitionen in Europa stimmt allerdings wenig optimistisch. Im Einzelnen:

Investitionsvolumen stark geschrumpft. In der Europäischen Union werden die Bruttoanlageinvestitionen – dazu zählen Investitionen in Maschinen, Geschäftsausstattungen, Fahrzeuge, Wohn-, Fabrik- und Bürogebäude sowie die gesamte private und staatliche Infrastruktur – in diesem Jahr voraussichtlich rund 2.300 Milliarden Euro betragen. Von dieser Summe entfallen etwas mehr als 1.700 Milliarden Euro auf die Euroländer. Verglichen mit dem Rekordniveau des Jahres 2008 liegt das aktuelle Investitionsvolumen in der EU um gut 12 Prozent niedriger; im Euroraum wird der 2008er Wert sogar um fast 14 Prozent unterschritten. Die tiefe Investitionskrise zeigt sich auch in der Pro-Kopf-Rechnung: Die EU-Länder steckten im vergangenen Jahr durchschnittlich 4.600 Euro je Einwohner in neue Anlagen – das waren 700 Euro weniger als 2008.

Investitionsanteil an der Wirtschaftsleistung gesunken. Die Inves­titionen in Europa haben sich in den vergangenen Jahren zudem noch schwächer entwickelt als die Wirtschaft insgesamt (Grafik):

Die Bruttoanlageinvestitionen betragen 2013 in der gesamten EU ebenso wie im Euroraum voraussichtlich weniger als 18 Prozent des Brutto­inlandsprodukts – das ist jeweils der niedrigste Wert seit Mitte der 1990er Jahre.

Als zum Beispiel die New Economy zur Jahrtausendwende boomte – oder auch vor dem Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise –, lag die Investitionsquote in Europa teils noch deutlich über 21 Prozent.

Aufschlussreich ist auch ein Vergleich mit der Entwicklung in den USA: Dort ging die Investitionsquote in den Jahren 2007 bis 2010 zwar noch stärker zurück als in Europa. Seitdem allerdings sind die Investitionen in den Vereinigten Staaten wieder deutlich angestiegen, während sie in den EU-Ländern weiter schrumpften.

Erhebliche Unterschiede innerhalb Europas. Zwar haben viele Krisenstaaten wohl die härteste Phase hinter sich, dennoch geht es in einigen Ländern mit den Bruttoanlageinves­titionen auch in diesem Jahr weiter abwärts (Grafik). Zypern muss 2013 wohl sogar das größte Minus der vergangenen Jahre verbuchen. Generell war der Rückgang der Investitionen vor allem in jenen Ländern dramatisch, die von der Schuldenkrise betroffenen waren:

In Zypern, Griechenland und Irland sind die Investitionen seit 2008 um mehr als die Hälfte gesunken; in Spanien und Portugal verringerten sie sich um etwa 40 Prozent.

Diese Zahlen sind selbst dann alarmierend, wenn man berücksichtigt, dass das frühere Investitionsniveau oft nicht tragfähig war – was zum Beispiel die geplatzte Immobilienblase in Spanien gezeigt hat.

Zwar gibt es auch einige EU-Staaten, die mit einem positiven Investitionstrend aufwarten können – allen voran Schweden, wo seit 2008 unterm Strich gut 20 Prozent mehr in neue Maschinen, Büros und Straßen investiert wurde.

Doch in vielen anderen, ansons­ten wirtschaftlich robusten Ländern bremste die Rezession in den Krisenstaaten die Investitionstätigkeit ebenfalls aus. Dies gilt nicht zuletzt für Deutschland, für dessen Unternehmen Europa nach wie vor ein wichtiger Markt ist: Die Anlage­investitionen traten in der jüngsten Vergangenheit mehr oder weniger auf der Stelle.

Die Unternehmen halten sich vor allem deshalb mit Investitionen zurück, weil sie über den wirtschaftspolitischen Kurs in den einzelnen Ländern sowie in Europa insgesamt verunsichert sind. Denn noch immer können Betriebe und private Haushalte nicht absehen, welche Belas­tungen im Zuge der Maßnahmen gegen die Staatsschuldenkrise noch auf sie zukommen könnten. Hier müssen die europäischen Regierungen baldmöglichst eine verlässliche Lösung finden.

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