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Vorschnelle Diagnose

Ob Hausarzt, Orthopäde, Kinderarzt oder Radiologe: Regelmäßig wird in Deutschland eine unzureichende medizinische Versorgung beklagt. Dabei gibt es in Deutschland durchaus genügend Ärzte – sie sind nur nicht flächendeckend über das Land verteilt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Ob Hausarzt, Orthopäde, Kinderarzt oder Radiologe: Regelmäßig wird in Deutschland eine unzureichende medizinische Versorgung beklagt.
  • Kümmerten sich 1991 im Schnitt noch 2,8 Ärzte um 1.000 Einwohner, waren es 2011 bereits 3,8.
  • Bis 2015 verlassen in Deutschland jedes Jahr noch deutlich mehr Jungmediziner die Hochschulen, als Ärzte in Ruhestand gehen.
Zur detaillierten Fassung

Ärztemangel? Bei insgesamt 373.100 tätigen Humanmedizinern in Deutschland im Jahr 2010 scheint dies kaum glaubhaft. Zwar reduziert sich die Zahl etwas, wenn man jene Mediziner herausrechnet, die nicht als Arzt beschäftigt sind, sondern zum Beispiel in der Forschung oder im Journalismus arbeiten. Doch auch ohne sie gibt es immer noch rund 320.000 praktizierende Ärzte in der Bundesrepublik.

Gleichwohl kommt es in Einzelfällen zu Warteschlangen und anderen Problemen in den Praxen – allerdings ist das kein flächendeckendes Phänomen, sondern ein regionales:

In ländlich geprägten Gegenden ist die Ärztedichte deutlich geringer als in den Ballungsräumen.

In Sachsen-Anhalt beispielsweise müssen statistisch gesehen 2,8 Mediziner die Versorgung von 1.000 Einwohnern bewerkstelligen, in Bremen stehen dafür 6,3 Ärzte zur Verfügung (Grafik). In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ist zudem auch die Ärztedichte bezogen auf die Fläche des Bundeslands besonders gering, sodass dort viele Patienten regelmäßig weit fahren müssen, um sich in Arztpraxen oder Therapiezentren behandeln lassen zu können.

Die aktuelle Herausforderung besteht deshalb nicht darin, die Anzahl und Dichte der Ärzte zu erhöhen, sondern die vorhandenen Mediziner besser über das Land zu verteilen. Wie komfortabel die ärztliche Versorgung in Deutschland derzeit tatsächlich ist, zeigt ein Blick zurück:

Kümmerten sich 1991 im Schnitt noch 2,8 Ärzte um 1.000 Einwohner, waren es 2011 bereits 3,8.

Dies ist auch im internationalen Vergleich ein Spitzenwert, der von kaum einer anderen Industrienation erreicht wird. Selbst Sachsen-Anhalt kommt mit 2,8 Ärzten pro 1.000 Einwohner noch auf eine höhere Medizinerquote als die USA (2,5) oder Japan (2,2).

Auch die vielzitierte Ärzteabwanderung ist bei genauerer Betrachtung keine Bedrohung. Es stimmt zwar, dass einige Mediziner Deutschland verlassen, um in der Ferne zu praktizieren; doch umgekehrt kommen viel mehr Mediziner aus dem Ausland nach Deutschland, um hier zu helfen und zu heilen:

Im Jahr 2010 waren fast 24.000 in Deutschland ausgebildete Mediziner im Ausland aktiv, gleichzeitig praktizierten hierzulande aber mindestens 31.000 Ärzte, die im Ausland ausgebildet wurden.

Dieses Plus von mehr als 7.000 Ärzten geht nicht zuletzt auf jene deutschen Studenten zurück, die aufgrund der hohen Numerus-Clausus-Auflagen an den heimischen Hochschulen ein Medizinstudium im Ausland absolvieren und anschließend wieder nach Deutschland zurückkehren.

Laut Hochschulinformationssystem arbeiten darüber hinaus gerade mal 5 Prozent aller in Deutschland ausgebildeten Humanmediziner zehn Jahre nach ihrem Examen im Ausland. Eine ähnlich hohe Heimattreue weisen nur noch Lehramtsabsolventen und Pharmazeuten auf.

Die derzeit entspannte ärztliche Versorgungssituation dürfte allerdings nicht von Dauer sein. Denn der demografische Wandel macht auch vor der Ärzteschaft in Deutschland nicht halt (Grafik):

Bis 2015 verlassen in Deutschland jedes Jahr noch deutlich mehr Jungmediziner die Hochschulen, als Ärzte in Ruhestand gehen – ab 2026 können die Nachrücker aber gerade einmal den Bestand aufrechterhalten.

Hinzu kommt, dass die stetig älter werdende Gesellschaft immer öfter auf die Behandlung durch Ärzte und Pflegepersonal angewiesen ist. Für die Lösung dieses möglicherweise langfristig steigenden Ärztebedarfs gibt es mehrere Ansatzpunkte:

  1. Die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin muss moderat erhöht werden.
  1. Der Zugang zum Medizinstudium sollte erleichtert werden, indem der Numerus Clausus gesenkt wird. Er liegt derzeit an vielen deutschen Hochschulen bei 1,0. Außerdem sollten Menschen, die schon im medizinischen Bereich gearbeitet und Erfahrungen gesammelt haben, leichter Medizin studieren dürfen.
  1. Die Zuwanderung von Ärzten aus dem Ausland muss weiter forciert werden. Die Einführung der Blue Card – einer Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für hochqualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten – sowie die Anerkennung von im Ausland erworbenen medizinischen Abschlüssen sind ein guter Ansatz dafür, die Zuwanderung von Ärzten weiter anzukurbeln.

Vera Demary / Oliver Koppel

Der Arbeitsmarkt für Humanmediziner in Deutschland – Zuwanderung verhindert Engpässe

IW Trends 3/2013

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