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Von wegen prekär

Wer heute keinen sozialversicherungspflichtigen Nine-to-five-Job hat, wird oft zu den prekär Beschäftigten gezählt. Das war nicht immer so – und ist auch anno 2014 nicht gerechtfertigt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Teilzeitbeschäftigung gilt zurecht als arbeitsmarktpolitisches Erfolgsmodell.
  • Die damalige rot-grüne Bundesregierung hielt Teilzeit für ein so gutes Beschäftigungsmodell, dass sie 2001 sogar ein Recht auf Teilzeit einführte.
  • Lediglich 14 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen sagen, sie müssten nur deshalb in Teilzeit arbeiten, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung gefunden haben.
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Teilzeitbeschäftigung galt viele Jahre lang als arbeitsmarktpolitisches Erfolgsmodell. Zu Recht: Während der Arbeitsmarktkrise 1994 bis 2004 haben Teilzeitjobs den Verlust an Vollzeitbeschäftigung zumindest teilweise kompensiert (Grafik). Damals gingen zwar 5 Milliarden Vollzeitstunden verloren, dafür kamen aber immerhin 2 Milliarden Teilzeitstunden dazu.

Anders gerechnet: In dieser Dekade entstanden rund 4 Millionen neue Teilzeitstellen, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung stieg von einem Fünftel auf fast ein Drittel.

Die damalige rot-grüne Bundesregierung hielt Teilzeit für ein so gutes Beschäftigungsmodell, dass sie 2001 sogar ein Recht auf Teilzeit einführte. Seither können Betriebe einen Teilzeitwunsch nur aus wichtigen Gründen ablehnen.

Nach den Agenda-Reformen (Hartz I bis IV) begann sich das Bild ab 2006 zu wandeln. Zwar entstanden weiterhin neue Teilzeitstellen, gleichzeitig nahm aber auch die Vollzeitbeschäftigung wieder zu. Der Anteil der Teilzeitkräfte stieg kaum noch an und das Vollzeitarbeitsvolumen nahm sogar stärker zu als das Teilzeitvolumen. Denn die Nachfrage der Betriebe nach Arbeitskräften war im Aufschwung so groß, dass sie allein mit Teilzeit nicht bedient werden konnte. Hinzu kamen und kommen weitere Faktoren:

  • Das Reservoir an teilzeitwilligen Arbeitnehmern ist offenkundig weitgehend ausgeschöpft. Im internationalen Vergleich ist die Teilzeitquote in Deutschland mittlerweile eine der höchsten. In Europa toppen nur noch die Niederlande das hiesige Niveau (16 Prozentpunkte höher). Irland und Großbritannien liegen gleichauf mit Deutschland. In Osteuropa, Spanien, Portugal und Griechenland dagegen ist Teilzeit kaum ein Thema.
  • Berufseinsteiger sind heutzutage besser qualifiziert als jene, die in Rente gehen. Je höher aber die Qualifikation, desto größer ist die Neigung, nicht nur halbe Tage zu arbeiten. Denn wer lange studiert und dafür auch auf so manches verzichtet hat, der will dann das eine oder andere nachholen – und mit einem Teilzeitjob kann man sich vieles eben doch nicht leisten.
  • Die Rahmenbedingungen für einen Vollzeitjob haben sich verbessert. Mittlerweile gibt es mehr Kitas und Ganztagsschulen, sodass sich weniger Frauen gezwungen sehen, wegen mangelnder Betreuungsmöglichkeiten auf Vollzeit zu verzichten.

Dass Frauen trotzdem noch die typischen Teilzeiter sind – sie stellen 7,8 der 9,6 Millionen Teilzeitbeschäftigten –, wird oft auf fehlende Vollzeitstellen zurückgeführt. Doch das ist falsch:

Lediglich 14 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen sagen, sie müssten nur deshalb in Teilzeit arbeiten, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung gefunden haben.

Die Unternehmen jedenfalls tun – nicht zuletzt in Zeiten des Fachkräftemangels – alles, um Frauen den Umstieg von einer Teilzeit- zu einer Vollzeitstelle zu ermöglichen: Von 1.000 Personalverantwortlichen gaben 2012 fast 80 Prozent zu Protokoll, sie hätten die Wünsche ihrer Beschäftigten „schnell“ oder „nach einer Weile“ erfüllen können.

Allerdings gibt es auch – vor allem kleinere – Betriebe, die nicht so einfach aus einer Teilzeit- eine Vollzeitstelle machen können. Das muss sich schon rechnen. Zumindest in diesen Firmen löst das Vorhaben der Großen Koalition, sogar ein Recht auf die Rückkehr von Teilzeit- in Vollzeit einzuführen, nur Kopfschütteln aus.

Die meisten Teilzeitkräfte arbeiten relativ gesehen in Bremen und Hamburg (Grafik). Mit ein Grund dafür dürfte sein, dass Teilzeitarbeit in den dortigen Dienstleistungsbranchen eine große Rolle spielt. So sind etwa im Handel 39 Prozent der Arbeitnehmer teilzeitbeschäftigt, in der Industrie nur 11 Prozent.

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