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Von Reich zu Arm

In der Öffentlichkeit wird der Ruf nach mehr Umverteilung immer lauter. Ein Vergleich mit den anderen EU-Staaten zeigt allerdings, dass der niedrige Einkommensbereich in Deutschland bereits heute einen vergleichsweise hohen Teil der staatlichen Transferzahlungen bekommt – finanziert durch eine überdurchschnittliche Abgabenbelastung der oberen Einkommen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der niedrige Einkommensbereich in Deutschland bekommt bereits heute einen vergleichsweise hohen Teil der staatlichen Transferzahlungen.
  • Rund 29 Prozent des Einkommens eines Durchschnittsbürgers bestehen aus Renten und Transferzahlungen, 30 Prozent führt er an Steuern und Sozialbeiträgen ab.
  • In Deutschland liegt der Nettotransferanteil der einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung bei fast 46 Prozent.
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In der vergangenen Woche hat das Kabinett den neuen Armuts- und Reichtumsbericht verabschiedet. Strittig war vor allem das Ausmaß der Kluft zwischen Arm und Reich, denn in dem ersten Entwurf stand noch, die Einkommensspreizung habe zugenommen. Jetzt heißt es, die Ungleichheit der Einkommen nehme ab. Des Rätsels Lösung: Inzwischen hat es neue Zahlen gegeben – doch solche Fakten dringen selten in die Öffentlichkeit durch. Stattdessen hält sich das Gerücht, dass die Reichen seit Jahren immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Wie es um den sozialen Ausgleich in Deutschland tatsächlich bestellt ist, zeigt ein Vergleich mit den anderen EU-Staaten, den das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) auf Basis von Eurostat-Daten angestellt hat (Grafik):

Für den Durchschnittsbürger in Deutschland ist die Rechnung ausgeglichen – rund 29 Prozent seines Einkommens bestehen aus Renten und Transferzahlungen, 30 Prozent führt er an Steuern und Sozialbeiträgen ab.

Ganz anders ist die Situation in Frankreich, wo ein Bürger im Schnitt zwar 30 Prozent seines Einkommens an Transferleistungen erhält, allerdings nur 19 Prozent an Abgaben zahlt. Die Lücke entsteht dadurch, dass an dieser Stelle kein umfassendes Staatsbudget betrachtet wird: Die in Frankreich sehr hohen Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung bleiben unberücksichtigt.

Die Durchschnittsbetrachtung sagt außerdem wenig darüber aus, wie sich einzelne Gruppen stellen. Umverteilung von Reich zu Arm bedeutet, dass die Transferzahlungen des Staates – also Renten, Pensionen, Arbeitslosengelder sowie krankheits- und familienbezogene Sozialleistungen – für einkommensschwache Haushalte höher sind als für gut situierte Haushalte.

Der europäische Vergleich zeigt, dass die Transferanteile im unteren Einkommensbereich traditionell in den skandinavischen Ländern am höchsten sind. Aber auch die Bundesrepublik liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt (Grafik):

In Deutschland liegt der Nettotransferanteil der einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung bei fast 46 Prozent.

Renten und Transfers in Höhe von gut 61 Prozent stehen Abgaben von 15 Prozent gegenüber. Das untere Einkommensfünftel empfängt somit mehr Transferleistungen des Staates, als es an Steuern und Sozialbeiträgen zahlt. Dafür sind nicht etwa die umfangreichen Rentenzahlungen verantwortlich, denn diese machen nur ein Drittel der Transferleistungen aus – sondern vor allem die Arbeitslosen- und Grundsicherungsleistungen.

Dass der Nettotransferanteil in Irland am höchsten ist, liegt an der niedrigen Steuer- und Abgabenlast. Anders sieht es in Italien, Griechenland und Spanien aus: In diesen Ländern treffen geringe Transferanteile auf verhältnismäßig hohe Abgaben.

Relativ große Unterschiede innerhalb der EU gibt es auch bei den Hauptfinanziers der Transferzahlungen, also den einkommensstärks­ten 20 Prozent der jeweiligen Bevölkerung. Gemessen an ihrem Nettoeinkommen zahlen diese in Deutschland mehr als 36 Prozent an Steuern und Sozialbeiträgen. Demgegenüber steht ein Renten- und Transferanteil von 19 Prozent. Im EU-Vergleich liegt die Bundesrepublik damit im oberen Drittel.

Das obere Einkommensfünftel ist allerdings nicht in allen Ländern Nettozahler: In Zypern, Frankreich und Bulgarien machen diese Gruppen unter dem Strich sogar noch ein Plus. In Bulgarien geht dieser Effekt vor allem auf die geringe Abgabenbelastung der oberen Einkommen zurück, denn Bulgarien ist der einzige EU-Staat mit einer Flat Tax, also einem einheitlichen Steuersatz, ohne Grundfreibetrag.

Judith NiehuesStaatliche Umverteilung in der Europäischen UnionIW-Trends 1/2013

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