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Von Leutenot und Asylanten

Von der Gründung des Kaiserreichs bis heute hat sich der Ausländeranteil in Deutschland mehr als verzehnfacht. Vorurteile und Ressentiments gegenüber Zuwanderern gab und gibt es zwar immer wieder, letztlich aber hat sich die deutsche Gesellschaft stets als wandlungsfähig erwiesen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Geschichte der Zuwanderung in Deutschland seit dem Kaiserreich
  • Es hat zu allen Zeiten Schwierigkeiten mit der Zuwanderung gegeben, aber die deutsche Gesellschaft hat sie immer gemeistert
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Bis in die 1880er Jahre hinein wanderten jährlich noch Hunderttausende Deutsche aus, vor allem in die USA, denn daheim gab es für die wachsende Bevölkerung nicht genug Jobs. Mit der prosperierenden Wirtschaft im 1871 gegründeten Kaiserreich drehte sich der Trend – und es begann die Zeit der Zuwanderung:

1871 bis 1918: Die Leutenot, wie der Arbeitskräftemangel damals hieß, sorgte dafür, dass sich die Zahl der Ausländer in Deutschland bis in die 1910er Jahre auf 1,3 Millionen oder fast 2 Prozent der Gesamtbevölkerung vervierfachte (Grafik).

Weil etwa zwei Drittel davon Polen waren und aus jenen Gebieten kamen, die damals zu Russland oder zu Österreich-Ungarn gehörten, machte im Kaiserreich schnell das Wort von der „Polonisierung“ die Runde. Selbst der Soziologe Max Weber sprach von der „Verdrängung der Deutschen“ – was angesichts des großen Mangels an Arbeitskräften den ursprünglichen Zusammenhang auf den Kopf stellte.

Die fremdenfeindliche Grundstimmung im Volk hatte eine restriktive preußische Ausländerpolitik zur Folge. Diese „Abwehrpolitik“ beschnitt vor allem die Freizügigkeit polnischer Saisonarbeiter. Sie mussten zum Beispiel im Winter das Land verlassen, was sie von sozialen Leistungen auf den Gutshöfen ausschloss und den Gutsherren viel Geld sparte.

Während des Ersten Weltkriegs wurde wegen des erheblichen Arbeitskräftemangels auf dem Land aus dem „Rückkehrzwang“ für Saisonarbeiter ein ebenso diskriminierendes „Rückkehrverbot“. Als mit Kriegsende die Soldaten heimkehrten, schwand der Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften und die Zahl der ausländischen Arbeiter sank von geschätzten zwei Millionen 1918 auf 225.000 im Jahr 1923.

1918 bis 1933: In der Weimarer Republik wurden trotz der niedrigen Ausländerquote rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, die zum Teil heute noch gültig sind. Dazu zählen das „Inländerprimat“, also der Vorrang einheimischer gegenüber ausländischen Beschäftigten, aber auch die tarifliche Gleichbehandlung von Ausländern und Deutschen. Im Jahr 1933 zählte man weniger als 800.000 Ausländer in der Republik. Die meisten Erwerbstätigen unter ihnen waren seit langem ansässige Industriearbeiter; rund 80 Prozent dieser Beschäftigten sprachen deutsch.

1933 bis 1945: Während des Zweiten Weltkriegs stieg die Ausländerbeschäftigung rasant an, vor allem durch Zwangsarbeit. Im Jahr 1944 arbeiteten mehr als 7,8 Millionen ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in Deutschland. Zusammen mit rund einer halben Million KZ-Häftlinge stellten sie fast 30 Prozent aller Beschäftigten. Der Umgang mit diesen Menschen war von nationalsozialistischer Ideo­logie und Zwang geprägt – dies bildete auch nach dem Krieg in breiten Bevölkerungsschichten den relevanten Erfahrungshorizont.

1945 bis 1955: Es ist daher umso erstaunlicher, dass Deutschland in den darauffolgenden Jahren mit der Integration von Millionen Vertriebenen aus den Ostgebieten eine Erfolgsgeschichte schrieb (Grafik):

Die Zahl der in Westdeutschland lebenden Vertriebenen und DDR-Flüchtlinge stieg in den 1950er Jahren um nahezu 50 Prozent auf mehr als 13 Millionen – damit war fast jeder vierte Einwohner in Westdeutschland nach dem Krieg zugewandert.

Bewältigt wurde diese enorme Herausforderung vor allem, weil Deutschland das „Wirtschaftswunder“ erlebte und das große Arbeitskräfteangebot aufnehmen konnte. Dennoch war die politische und kulturelle Integration der Vertriebenen ein langer und keinesfalls lautloser Prozess.

Ab 1955: Noch bevor Deutschland die Vollbeschäftigung erreicht hatte, begann Mitte der 1950er Jahre mit dem Anwerben von Gast­arbeitern eine Zeit, in der die Nachfrage nach Arbeitskräften die Ausländerpolitik bestimmte.

Die nächste Phase setzte mit der globalen Süd-Nord-Wanderung von Asylbewerbern aus Ländern der sogenannten Dritten Welt ein. Zudem stiegen die Zahlen der deutschstämmigen Aussiedler aus Osteuropa und der DDR-Flüchtlinge; und nach 1990 kamen viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Das Ergebnis der verschiedenen Wanderungsprozesse:

Im Jahr 2014 lebten in Deutschland 8,2 Millionen Ausländer und neun Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – diese beiden Gruppen stellten damit insgesamt mehr als ein Fünftel der Bevölkerung.

Wie schon im Kaiserreich haben auch in jüngerer Zeit die Abwehr­reaktionen der Bevölkerung die vermeintliche Andersartigkeit der Fremden hervorgehoben. Ausländerfeindliche Exzesse richteten sich Anfang der 1990er Jahre gegen die „Asylschwemme“ und seit einigen Jahren wird im Zusammenhang mit der Zuwanderung vor einer „Islamisierung“ Europas gewarnt.

Die Zuwanderung wird vorerst auf hohem Niveau weitergehen. Für Deutschland ist das eine enorme Herausforderung, aber auch eine Chance – denn der Arbeitsmarkt ist mehr als je zuvor auf Einwanderer angewiesen.

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