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Vom Wickeltisch zum Arbeitsplatz

Im internationalen Vergleich können junge Mütter und Väter in Deutschland relativ lang und finanziell gut abgesichert in Elternzeit gehen. Allerdings schadet ein längerer Ausstieg häufig der Karriere und den Einkommenschancen. Damit Eltern schneller in den Job zurückkehren können, braucht Deutschland eine bessere Betreuungsinfrastruktur für Klein- und Schulkinder.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im internationalen Vergleich können junge Mütter und Väter in Deutschland relativ lang und finanziell gut abgesichert in Elternzeit gehen.
  • Mit drei Jahren Elternzeit ermöglichen Deutschland und eine Reihe anderer EU-Länder im internationalen Vergleich eine relativ lange kindbedingte Erwerbsunterbrechung.
  • In Deutschland nahmen Frauen, die im Jahr 2010 ein Kind auf die Welt gebracht haben, das Elterngeld durchschnittlich 11,7 Monate lang in Anspruch – Väter dagegen nur 3,3 Monate.
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Wiegen, waschen, wickeln: Mit der Geburt eines Kindes verändert sich die Zeiteinteilung frischgebackener Eltern radikal. War der Alltag zuvor vor allem von Erwerbstätigkeit und Freizeitaktivitäten oder Muße geprägt, muss nun eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung für das Baby sichergestellt sein. Viele Mütter – und zunehmend auch Väter – möchten ihre Kinder in den ersten Lebensmonaten oder -jahren selbst versorgen und steigen dafür zumindest vorübergehend aus dem Erwerbsleben aus.

Die Konditionen, zu denen kindbedingte Jobauszeiten genommen werden können, sind international sehr unterschiedlich. In den USA zum Beispiel können junge Eltern den Anspruch auf ihren bisherigen Arbeitsplatz verlieren, wenn sie sich für eine Unterbrechung der Berufstätigkeit entscheiden. Auch in der Schweiz gibt es keine gesetzlich geregelte Elternzeit, sondern nur 14 Wochen Mutterschutz (Grafik).

Mit drei Jahren Elternzeit ermöglichen Deutschland und eine Reihe anderer EU-Länder im internationalen Vergleich eine relativ lange kindbedingte Erwerbsunterbrechung.

Die längste Elternzeit bietet Polen mit dreieinhalb Jahren.

Neben der Betreuung des Neugeborenen spielen in der vergrößerten Familie auch die Finanzen eine wichtige Rolle – insbesondere dann, wenn ein Elternteil kein Erwerbseinkommen mehr erzielt, weil sie oder er beim Nachwuchs zu Hause bleibt. In vielen Ländern gibt es für diesen Fall Lohnersatzleistungen, in Deutsch­land beispielsweise das Elterngeld. Zählt man die Zeiträume für das Mutterschafts- und Elterngeld zusammen, erhalten junge Eltern hierzulande bis zu 15,3 Monate lang Ersatzleistungen von mindestens 66 Prozent des vormaligen Nettoeinkommens – dabei zählt das Einkommen desjenigen, der wegen des Kindes zu Hause bleibt (Grafik).

 

 

 

 

 

Um das Elterngeld 14 Monate lang voll auszuschöpfen, müssen in Deutschland auch die Väter für mindestens zwei Monate ran. Solche zusätzlichen und vergleichsweise gut honorierten Vätermonate gibt es auch in Finnland und Portugal.

Dass Männer mit Geld in die Elternzeit gelockt werden (müssen), hat zwei gute Gründe: Indem der Vater die Bezugs- und Betreuerrolle übernimmt, soll einerseits die Entwicklung des Kindes positiv beeinflusst werden, andererseits fördert dieses Modell die Gleichstellung zwischen beiden Elternteilen.

In der Praxis ist es mit der Gleichberechtigung bei der Kinderbetreuung allerdings noch nicht weit her:

In Deutschland nahmen Frauen, die im Jahr 2010 ein Kind auf die Welt gebracht haben, das Elterngeld durchschnittlich 11,7 Monate lang in Anspruch – Väter dagegen nur 3,3 Monate.

Gleichwohl ist das frühkindliche Engagement der Männer in den vergangenen Jahren gestiegen. Von den im Jahr 2008 geborenen Kindern wurden hierzulande erst 20,8 Prozent von Vätern, die Elterngeld bezogen, betreut; im zweiten Quartal 2011 waren es bereits 27,3 Prozent.

Vor allem für Frauen ist eine paritätische Aufteilung der Elternzeit ökonomisch sinnvoll. Denn eine wesentliche Ursache für die Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern sind die häufig langen kindbedingten Auszeiten der Mütter. Je früher Frauen nach der Babypause wieder in den Beruf zurückkehren, desto geringer ist die Gefahr, im Job und beim Gehalt den Anschluss zu verlieren.

Eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit – ob nun eines oder beider Elternteile – scheitert hierzulande jedoch noch oft genug an einem geeigneten Betreuungsplatz für den Nachwuchs. So fehlen für die unter Dreijährigen rund 220.000 Plätze und bei der flächendeckenden Ganztagsbetreuung für Grundschüler und Schüler der Sekundarstufe I lässt das Angebot ebenfalls zu wünschen übrig.

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