Viele Unternehmen hadern mit dem digitalen Produktpass
Um die Wirtschaft in Europa klimafreundlicher zu gestalten, will die EU digitale Produktpässe einführen. Viele Unternehmen sind darüber allerdings noch gar nicht informiert und treffen keinerlei Vorbereitungen. Umso wichtiger ist, dass die europäische Politik bei der Umsetzung der Produktpässe eine für die Firmen praktikable Lösung findet.
- In den kommenden Jahren sollen digitale Produktpässe (DPPs) der EU zufolge in immer mehr Wirtschaftsbereichen etabliert werden.
- In Deutschland haben bislang allerdings nur 4 Prozent aller Unternehmen Maßnahmen ergriffen, um sich auf die Einführung der DPPs vorzubereiten.
- Zudem erfüllt ein großer Teil der Firmen noch nicht eine wichtige Voraussetzung dafür, dass DPPs erstellt und genutzt werden können – nur 18 Prozent gaben zuletzt an, ihren Geschäftspartnern Daten in digitaler und standardisierter Form zur Verfügung zu stellen.
Ressourcen sparen, Materialien wiederverwenden und klimafreundlichere Alternativen einsetzen – die Strategie, mit der die EU die Wirtschaft klimaneutral gestalten will, ist klar. Und auch der Weg dorthin wird immer konkreter – so sehen mehrere EU-Verordnungen die Einführung digitaler Produktpässe (DPPs) vor. Für Batterien soll es einen solchen Produktpass bereits ab dem Jahr 2027 geben, aber auch in Produktgruppen wie Eisen und Stahl oder für Textilien und Möbel soll ein solcher Pass noch vor 2030 zum Einsatz kommen. Auf längere Sicht dürften DPPs voraussichtlich in nahezu allen Wirtschaftsbereichen etabliert werden.
Die EU will digitale Produktpässe in vielen Wirtschaftsbereichen etablieren – doch viele Unternehmen in Deutschland kennen das Konzept noch nicht oder halten es für nicht relevant.
Kennzeichnend für DPPs ist, dass sie in digitaler und standardisierter Form Informationen zu sämtlichen Komponenten erfassen und strukturieren, die in einem Produkt enthalten sind. Dabei geht es unter anderem um Angaben zu Herstellung, Materialien, Eigenschaften sowie Reparatur- und Entsorgungsmöglichkeiten. Mit diesem Wissen kann die Kreislauffähigkeit eines Gutes nach und nach optimiert werden.
Alle Akteure im Lebenszyklus des Produkts – vom Lieferanten von Vorleistungen über den Hauptproduzenten bis hin zu Dienstleistern, die beispielsweise Reparaturen an einer Maschine durchführen – sollen in der Lage sein, die Produktinformationen digital abzurufen, aber auch selbst zu ergänzen. Alle relevanten Akteure sollen DPPs also selbst ausstellen, nutzen und ändern können.
Davon sind viele Unternehmen in Deutschland noch weit entfernt, wie eine Befragung im Rahmen des IW-Zukunftspanels vom vergangenen Herbst zeigt (Grafik):
Nur 4 Prozent aller Unternehmen haben bereits Maßnahmen ergriffen, um sich auf die Einführung der DPPs vorzubereiten – weitere 11 Prozent planen dies.
Fast 40 Prozent kennen das Konzept der DPPs dagegen gar nicht und 27 Prozent halten sie mit Blick auf den eigenen Betrieb nicht für relevant.
Schaut man auf die einzelnen Branchen, liegen vor allem die Zahlen für die Grundstoffindustrie über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt – immerhin rund jedes fünfte Unternehmen dort engagiert sich bereits in Sachen DPPs oder hat entsprechende Pläne. Das ist insofern positiv, als die Hersteller von Papier-, Chemie- oder Metallerzeugnissen bei vielen Produkten die ersten Stufen der Lieferketten abdecken. Sind dort wesentliche Produktdaten digital verfügbar, ist es für Kunden in der weiteren Wertschöpfungskette leichter, diese Daten zu erfassen und weiterzuverarbeiten.
Generell ist das Teilen von digitalen und standardisierten Daten eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass DPPs erstellt und genutzt werden können. Doch auch dies ist in vielen Unternehmen noch ein unerledigtes Thema, wie aus dem IW-Zukunftspanel ebenfalls hervorgeht (Grafik):
Im Herbst 2024 gaben lediglich 18 Prozent der Unternehmen in Deutschland an, sie würden ihren Geschäftspartnern Daten in digitaler und standardisierter Form zur Verfügung stellen.
Weitere 31 Prozent teilen zwar ihre Daten digital, dies aber nicht in standardisierter Form – was die Nutzung und Weiterverarbeitung für Lieferanten und Kunden erschweren dürfte.
Der Zusammenhang mit dem Thema digitaler Produktpass ist auffällig:
Von jenen Firmen in der Bundesrepublik, die bereits digitale Daten bereitstellen, beschäftigt sich jede vierte schon mit DPPs oder plant dies – ein deutlich höherer Anteil als im Schnitt aller Befragten.
Insgesamt sind viele Unternehmen also noch nicht oder nicht ausreichend auf die Einführung der DPPs eingestellt. Dies zu ändern, wäre nicht nur im gesamtwirtschaftlichen Interesse – auch die Firmen selbst würden von den DPPs profitieren, weil diese zu mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette führen und sich Fertigungsprozesse effizienter gestalten lassen. Zudem könnten auf der Basis der erfassten Daten neue digitale Geschäftsmodelle entstehen.
Allerdings sollte die Politik dafür sorgen, dass die Umstellung auf die DPPs für die Unternehmen so wenig zeit- und kostenintensiv wie möglich wird. Sinnvoll wäre es daher, in der konkreten Ausgestaltung der DPP-Regelwerke auf bestehende Datenstandards wie ECLASS zu setzen, mit denen Unternehmen bereits vertraut sind (siehe “Was ein Digitaler Produktpass leisten kann”).