DDR-Wirtschaftsstruktur Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Viel zu optimistisch

Die meisten Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands kurz nach dem Mauerfall entpuppten sich als viel zu optimistisch. Wie konnten sich die Ökonomen nur so irren?

Kernaussagen in Kürze:
  • Die meisten Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands kurz nach dem Mauerfall entpuppten sichals viel zu optimistisch.
  • Zur Zeit der Wende ging man davon aus, dass das Produktivitätsniveau der DDR-Wirtschaft rund halb so hoch sei wie das in Westdeutschland.
  • Die DDR war vom Weltmarkt abgeschottet, der Staat entschied, was und wie viel produziert und zu welchen Preisen es verkauftwurde.
Zur detaillierten Fassung

Als vor 25 Jahren die Mauer fiel, zerbrachen sich nicht nur Ökonomen den Kopf darüber, wie leistungsfähig die alte DDR-Wirtschaft wohl sei. Politiker, Unternehmer und nicht zuletzt viele Ostdeutsche selbst stellten sich die spannende Frage, wie schnell die ehemals sozialistische Volkswirtschaft wohl Anschluss finden würde an den Westen.

Viele Szenarien gingen davon aus, dass es innerhalb nur eines Jahrzehnts gelingen könnte, den wirtschaftlichen Rückstand zu Westdeutschland auf 20 Prozent oder sogar noch weniger zu verringern.

Dieses Kalkül ist jedoch nicht aufgegangen: Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner erreichte im Jahr 2013 nur 67 Prozent des Westniveaus. Und auch die Produktivität der Arbeitskraft liegt um 24 Prozent niedriger als im Wes­ten(Grafik).

Warum verläuft zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer ein wirtschaftlicher Graben? Eine Antwort lautet: Weil zentrale Annahmen zur Ostwirtschaft, die vor 25 Jahren getroffen wurden, viel zu optimistisch waren:

Ausgangsniveau

Zur Zeit der Wende ging man davon aus, dass das Produktivitätsniveau der DDR-Wirtschaft rund halb so hoch sei wie das in Westdeutschland. Tatsächlich aber erreichte die Ost-Produk­tivität im Jahr 1991 nur ein Drittel des Westniveaus. Grund für diesen Irrtum war, dass sich die Wirtschaftskraft der ostdeutschen Betriebe nur schwer einschätzen ließ: Die DDR war vom Weltmarkt abgeschottet, der Staat entschied, was und wie viel produziert und zu welchen Preisen es verkauft wurde. Marktpreise, die den Wert der Güter „made in GDR“ realistisch widerspiegelten, gab es nicht.

Produktivitätsdynamik

Ausgehend von der Wiederaufbauphase der Bundesrepublik in den 1950er Jahren, als die Arbeitsproduktivität jährlich um fast 6 Prozent wuchs, prognostizierte man auch für Ostdeutschland einen stürmischen Aufholprozess.

Tatsächlich entwickelte sich die Arbeitsproduktivität nach der Wiedervereinigung zunächst sehr dynamisch: Innerhalb von nur vier Jahren kletterte sie bis 1995 auf 65 Prozent des Westniveaus. Bis 2000 stieg die Produktivität allerdings nur noch um magere 5 Punkte auf 70 Prozent, mittlerweile sind es 76 Prozent.

Bezahlt wurde diese Produktivitätsentwicklung zudem mit einem massiven Rückgang der Beschäftigung: Zwischen 1991 und 2000 ging die Zahl der Erwerbstätigen in den neuen Bundesländern um fast 840.000 zurück.

Kapitalausstattung

Hier blieb der Osten ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. Zwar führten die günstigen Investitionsbedingungen – geringe Arbeitskosten, großzügige staatliche Investitionsförderung, eingespielte Geschäftsbeziehungen ostdeutscher Betriebe mit Osteuropa – zunächst zu höheren Ausrüstungsinvestitionen je Erwerbstätigen als in Westdeutschland; ab 2000 sackten sie aber schon wieder unter das Niveau der alten Bundesländer.

Öffentliche Finanzen

Aufgrund all dieser Dynamiken waren auch auf diesem Gebiet die Annahmen falsch. Geringere Steuereinnahmen und höhere Ausgaben ließen die Staatsverschuldung schneller steigen als erwartet: Bereits im Jahr 2000 hatten die Einwohner in den neuen Bundesländern im Durchschnitt mehr Staatsschulden angehäuft als in den alten.

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