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Viel Potenzial, viele Schwächen

Die aktuelle Krise der russischen Wirtschaft ist nur zum Teil auf kurzfristige Einflüsse wie die Sanktionen des Westens zurückzuführen. Die Probleme sind eher struktureller Natur und hausgemacht: Russland ist zu stark vom Öl- und Gasgeschäft abhängig, leidet unter weit verbreiteter Korruption und setzt zu wenig auf Wissen und Forschung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 1995 trugen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft erst 40 Prozent zu Russlands Exporteinnahmen bei, 2014 waren es schon etwa 70 Prozent.
  • Im Jahr 2015 brach der Ölpreis um fast die Hälfte ein – parallel dazu schrumpfte die reale russische Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent.
  • Die russische Wirtschaft leidet nicht zuletzt unter der verbreiteten Korruption – der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International stufte Russland 2014 in das Drittel der korruptesten Länder ein.
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An einer Ressource mangelt es Russland wahrlich nicht: an Bodenschätzen. Das Land steht auf Platz eins aller Erdgasförderländer und verfügt mit fast einem Viertel der globalen Vorkommen auch über die größten Erdgasreserven. Zudem ist Russland mit täglich 10,9 Millionen Barrel der weltweit drittgrößte Ölproduzent hinter den USA und Saudi-Arabien und liegt im Ranking der Ölreserven an achter Stelle.

Hinzu kommt, dass das mit mehr als 17 Millionen Quadratkilometern größte Land der Erde enorme Vorkommen an Kohlen, Eisen, Nickel, Platin, Gold und Diamanten besitzt.

Diese natürlichen Ressourcen haben wesentlich dazu beigetragen, die russische Wirtschaft nach ihrer Krise Ende der 1990er Jahre wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Doch inzwischen zeigt sich, dass dieser Segen auch ein Fluch sein kann. Denn Russland hat sich in den vergangenen Jahren allzu sehr auf die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft verlassen und andere Wirtschaftszweige vernachlässigt. Diese Abhängigkeit spiegelt sich auch im Außenhandel wider (Grafik):

Trugen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft im Jahr 1995 erst 40 Prozent zu den russischen Exporteinnahmen bei, waren es 2014 schon etwa 70 Prozent.

Rechnet man auch noch die übrigen Bodenschätze hinzu, entfielen zuletzt mehr als 80 Prozent der Exporterlöse Russlands auf den Verkauf natürlicher Ressourcen.

Entsprechend fatal wirkt sich der aktuelle Verfall des Ölpreises aus. Zusammen mit der unsicheren geopolitischen Lage und den Wirtschaftssanktionen, die die westlichen Staaten infolge der russischen Intervention in der Ukraine-Krise verhängt haben, hat die Entwicklung an den Rohstoffmärkten Russland in eine neue, tiefe Wirtschaftskrise gestürzt (Grafik):

Im Jahr 2015 brach der Ölpreis um fast die Hälfte ein – parallel dazu schrumpfte die reale russische Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent.

Zu der neuerlichen Misere haben aber auch noch andere strukturelle Faktoren beigetragen. Dazu zählt vor allem die Korruption, was nicht zuletzt privaten Investoren zu schaffen macht. Der Korruptionswahrnehmungsindex der Nichtregierungsorganisation Transparency International hat Russland 2014 auf Rang 136 von 175 Ländern eingestuft – und damit in das Drittel der korruptesten Länder. Das Problem umfasst alle Bereiche des öffentlichen Sektors (Grafik):

Jeweils rund neun von zehn Russen halten die beim Staat Beschäftigten sowie die Polizei für korrupt; acht von zehn Befragten fällen dasselbe Urteil über die Justiz, das Parlament und die politischen Parteien.

Jeder zweite Russe gab in der Befragung zudem an, dass sich die Korruption in den vorangegangenen zwei Jahren verschlimmert habe. Offenbar hat auch der vom damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew 2008 beschlossene „Nationale Antikorruptionsplan“ keinen nachhaltigen Erfolg gehabt. Laut Transparency International empfinden 77 Prozent der Befragten die eingeleiteten Maßnahmen als ineffektiv.

Zu den weiteren Schwächen der russischen Wirtschaft zählen die starken staatlichen Regulierungen, die dem wohlstandsfördernden Wettbewerb zu wenig Raum lassen:

Der vom unabhängigen Fraser Institut erstellte Index der wirtschaftlichen Freiheit sieht Russland nur auf Platz 99 von 157 Ländern.

In der Kategorie „Freiheit im internationalen Handel“ rangiert das Land sogar nur auf Platz 134. Diese Einstufung bezieht sich auf das Jahr 2013 – die seither eingeführten Importbeschränkungen für ausländische Lebensmittel dürften Russlands Position im Fraser-Index noch weiter verschlechtern.

Zudem verschenkt das Land unter der Herrschaft von Wladimir Putin auch deshalb viel Wachstums- und Wohlstandspotenzial, weil es Wissen und Bildung seiner nahezu 150 Millionen Einwohner zu wenig fördert und nutzt. Zwar haben laut OECD 55 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen Hochschulabschluss – damit liegt Russland im internationalen Vergleich auf Rang vier. Bei den 55- bis 64-Jährigen ist der Akademikeranteil sogar der zweithöchs­te aller wichtigen Industrienationen.

Doch dieses Know-how bringt offenbar wenig Forschungsleis­tungen hervor, die am Ende auch die für wirtschaftliches Wachstum notwendigen Innovationen entstehen lassen könnten. Darauf deutet zumindest das anerkannte Shanghai-Ranking hin, welches Hochschulen weltweit unter anderem anhand der Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und der von ihren Absolventen errungenen Wissenschaftspreise einstuft: Unter den besten 500 Universitäten der Welt finden sich gerade einmal zwei russische Einrichtungen.

Und auch die Kenntnisse der Schüler lassen zu wünschen übrig. Laut PISA-Studien liegen die Leistungen der 15-jährigen russischen Schüler in den Bereichen Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Damit die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumspfad gelangen kann, hat die russische Staatsführung also in Sachen Bildung und Forschung, Liberalisierung der Märk­te und Bekämpfung der Korruption noch viel zu tun.

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