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Viel haben, viel zahlen

Nahezu alle Bundesbürger kommen in den Genuss staatlicher Transferzahlungen – egal, ob sie viel oder wenig besitzen. Finanziert werden die Sozialleistungen jedoch vornehmlich aus den Steuern und Abgaben der einkommensstarken Haushalte.

Kernaussagen in Kürze:
  • Finanziert werden die Sozialleistungen vornehmlich aus den Steuern und Abgaben der einkommensstarken Haushalte.
  • Ein Durchschnittshaushalt erhielt 2012 Sozialleistungen von rund 820 Euro im Monat.
  • Die staatlichen Geldtransfers sind in den unteren Einkommensgruppen ein wesentlicher Bestandteil des Haushaltseinkommens.
Zur detaillierten Fassung

Die staatliche Umverteilung

Durchschnittliche monatliche Beträge eines Haushalts dieser Nettoeinkommensgruppe im Jahr 2012 in Euro

Umverteilungssaldo: Geldtransfers wie gesetzliche Renten, Pensionen und Kindergeld, ALG II, Wohngeld usw. abzüglich Abgaben wie Einkommenssteuer und Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung; Die Ein- und Auszahlungen der Nichtmitglieder gesetzlicher Versicherungen sind nicht ausgewiesen (zum Beispiel der Selbständigen); Quelle: Sozio-oekonomisches Panel

Im Jahr 2014 gab der deutsche Staat rund 849 Milliarden Euro für soziale Leistungen aus, wie kürzlich aus dem Sozialministerium bekanntwurde – das waren 3,8 Prozent mehr als im Jahr davor.

Nicht alle Transfers wandern allerdings direkt in die Geldbeutel der Bürger. Insbesondere bei den Leistungen im Gesundheitsbereich – gut 200 Milliarden Euro – handelt es sich vorwiegend um Sachleistungen, angefangen von den ärztlichen Behandlungen bis hin zu Kuren.

Die meisten Leistungen landen laut Sozio-oekonomischem Panel aber sehr wohl im Portemonnaie des Bürgers: Demnach erhielt ein Durchschnittshaushalt 2012 Sozialleistungen von rund 820 Euro im Monat.

Der weitaus größte Posten sind hier mit mehr als drei Vierteln die gesetzlichen Renten und die Pensionen für ehemalige Beamte. Weil sich diese Zahlungen eng an das frühere Einkommen anlehnen, gehen diese (Versicherungs-)Leistungen nicht nur an Haushalte, die am unteren Ende der Einkommens­pyramide angesiedelt sind.

Ehemalige Hartz-IV-Empfänger dagegen müssen sich auch im Alter oftmals mit einer Grundsicherung bescheiden.

Die staatlichen Geldtransfers sind in den unteren Einkommensgruppen ein wesentlicher Bestandteil des Haushaltseinkommens (Grafik). Dies zeigt, dass die Gesellschaft den schlechtergestellten Mitbürgern kräftig unter die Arme greift:

In Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 1.000 bis 1.500 Euro sind davon im Durchschnitt 804 Euro Transferzahlungen.

In den oberen Einkommensgruppen fallen die Sozialleistungen erwartungsgemäß geringer aus – aber auch hier fließen staatliche Gelder. Ein Haushalt, der 7.000 bis 10.000 Euro im Monat zur Verfügung hat, bekommt immerhin im Durchschnitt 625 Euro zugeschossen. Neben den Renten- und Pensionszahlungen macht sich hier beispielsweise das Kindergeld bemerkbar.

Dass die staatlichen Geldtransfers mit zunehmendem Einkommen aber nicht in den Himmel wachsen, ist unter anderem den Beitragsbemessungsgrenzen in der Rentenversicherung geschuldet. Denn sie deckeln die Beitragszahlungen und damit letztlich auch die Rentenansprüche.

Am gesamten Haushaltsnettoeinkommen gemessen, machen deshalb die Transfers in unteren Einkommensgruppen eindeutig den größten Anteil aus, in den anderen Gruppen gehen sie peu à peu zurück:

Muss ein Haushalt mit einem Nettoeinkommen von 750 Euro im Monat auskommen, besteht dieses im Durchschnitt zu rund drei Vierteln aus staatlichen Transferzahlungen.

Bei den Gutverdienern mit einem Einkommen von 8.000 Euro beträgt der Transferanteil verständlicherweise im Durchschnitt lediglich ungefähr 5 Prozent.

Die staatliche Umverteilung wird jedoch nicht nur auf der Ausgabenseite sichtbar, sondern auch auf der Einnahmenseite des Staates, sprich bei den Steuern und Sozialabgaben. Hier gilt die Faustformel: Je höher das Haushaltsnettoeinkommen, des­to mehr muss an den Staat abgeführt werden. Dafür sorgt der progressive Einkommenssteuertarif.

Wie stark der Staat letztlich umverteilt, lässt sich am Umverteilungssaldo ablesen. Dazu werden für jede Einkommensgruppe die staatlichen Geldtransfers mit den Abgaben verrechnet. Erwartungsgemäß ergibt sich für die unteren Einkommensgruppen ein positiver Umverteilungssaldo, da sie einerseits stärker von staatlichen Transfers profitieren und andererseits wenig zu deren Finanzierung beitragen.

Bis zu einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.000 Euro sind die Haushalte im Durchschnitt Nettotransferempfänger.

Der Mittel- und Oberschicht dagegen nimmt der Staat über Steuern und Abgaben mehr Geld ab, als er ihnen auf Umwegen zurückerstattet.

Wie hoch Transfers und Abgaben im Einzelfall sind und wer tatsächlich durch die staatlichen Eingriffe verliert oder gewinnt, hängt auch von den Haushaltseigenschaften ab. In die Pflicht genommen werden eindeutig erwerbstätige Paare ohne Kinder. Ihre durchschnittlichen Bruttoeinkommen und ihre Abgaben sind vergleichsweise hoch, sie profitieren aber kaum von Transfers.

Seniorenhaushalte sind dagegen in der Regel Nettotransferempfänger. Sie müssen einerseits nur geringe Abgaben leisten und beziehen andererseits Renten, die in der amtlichen Systematik zu den Sozialleistungen gehören, obwohl sie von früheren Beitragszahlungen abhängen.

Haushalte, die kein Einkommen beziehen, aber Leistungen wie etwa Hartz IV bekommen, sind ebenfalls eindeutig Nettotransferempfänger.

Dass die staatliche Umverteilung die Armut in Deutschland wirksam bekämpft, zeigt eine weitere Auflis­tung. Demnach verfügt mehr als die Hälfte der 40 Millionen Haushalte über ein monatliches Nettoeinkommen von 1.000 bis 3.000 Euro.

Weniger als 1.000 Euro haben dagegen nur 10 Prozent der Haushalte, darunter überwiegend Singles.

Familien mit Kindern gehören gemessen am Haushaltsnettoeinkommen zumeist in die mittleren Einkommensbereiche (Grafik). Wenn man überdies berücksichtigt, dass größere Haushalte bestimmte Haushaltsgeräte – wie Fernseher und Waschmaschine – oder Autos nur einmal anschaffen müssen, dann hat eine Familie mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von 4.000 Euro letztlich mehr Geld zur Verfügung als vier Singles mit jeweils 1.000 Euro Haushaltseinkommen.

Und die Hälfte der fünf Millionen Familien mit vier und mehr Personen hat monatlich mehr als 4.000 Euro zum Ausgeben. Dies zeigt, dass Familien überdurchschnittlich oft zur Mittelschicht gehören.

Haushalte: Wer wo finanziell steht

Zahl der Haushalte nach Größe in 1.000 im Jahr 2012

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel

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