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Viel auf der hohen Kante

Jeder Erwachsene in Deutschland verfügt rein rechnerisch über ein Nettovermögen von mehr als 80.000 Euro. Tatsächlich sieht die Vermögensverteilung allerdings ganz anders aus. Tücken hat auch die Statistik der Einkommen: Auch wer wenig verdient, ist nicht automatisch arm.

Kernaussagen in Kürze:
  • Jeder Erwachsene in Deutschland verfügt rein rechnerisch über ein Nettovermögen von mehr als 80.000 Euro.
  • Das einkommensstärkste Bevölkerungszehntel kommt auf ein durchschnittliches Nettogesamtvermögen von rund einer viertel Million Euro.
  • Je nach Statistik gelten zwischen 13 und 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland über 25 Jahren als einkommensarm.
Zur detaillierten Fassung

Die Deutschen haben viel auf der hohen Kante – doch diese Vermögen bleiben häufig außen vor, wenn es um die Frage geht, ob jemand arm oder reich ist. In den meisten Armutsbetrachtungen zählt nämlich nur das Einkommen, nicht das Vermögen. So kann in der Statistik eine Person im Extremfall als einkommensarm gelten, gleichzeitig aber über ein millionenschweres Aktiendepot verfügen.

Die Europäische Union definiert Armut immerhin als einen „unzureichenden Lebensstandard aufgrund von Ressourcenmangel“ – sie fokussiert damit nicht nur auf das Einkommen. Zwar gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen den beiden Größen:

Das einkommensstärkste Bevölkerungszehntel kommt auf ein durchschnittliches Nettogesamtvermögen von rund einer viertel Million Euro.

Wie hoch das Vermögen im Einzelfall ausfällt, hängt aber neben dem Einkommen von vielen weiteren Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielen die persönlichen Vorlieben: Der eine lebt lieber in den Tag hinein, der andere ist eher sicherheitsorientiert und folgt dem Motto „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Ein Vermögen kann einem aber auch ganz ohne eigenes Zutun zufallen, also geerbt werden. In den meisten Fällen aber ist Vermögen eine Frage der Zeit – es wächst durch beständiges Sparen sowie Zins und Zinseszins. Deshalb ist es nur logisch, dass die 65- bis 74-Jährigen in der Vermögensstatistik besonders gut dastehen (Grafik):

Die Älteren haben im Schnitt viermal so viel Vermögen wie die 25- bis 34-Jährigen.

Konkret handelt es sich dabei vor allem um Haus und Hof. Zwar besitzt so manch Jüngerer schon Immobilien, auf diesen lasten aber oft hohe Hypotheken. Im Alter lebt es sich dagegen meist schuldenfrei. Erst im hohen Alter sinken die Vermögen der Deutschen dann wieder – zum Beispiel, weil viele Senioren ihren Immobilienbesitz noch zu Lebzeiten vererben.

Die durchschnittlichen Vermögenswerte sagen jedoch nichts über die tatsächliche Verteilung aus. Die Vermutung, nur einkommensstarke Haushalte könnten auf Vermögen zurückgreifen, lässt sich damit jedenfalls weder bestätigen noch widerlegen. Dafür ist eine kombinierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen notwendig (Grafik). Das lässt sich anhand von zwei repräsentativen Haushaltsbefragungen bewerkstelligen: dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS).

Je nach Statistik gelten zwischen 13 und 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland über 25 Jahren als einkommensarm: Das heißt, sie verdienen weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Nettohaushaltseinkommens.

Für Alleinstehende liegt dieser Grenzwert aktuell bei rund 900 Euro. Ein Vermögen – seien es Sparbücher, Aktien oder Immobilien – könnte diesen Menschen aus der Patsche helfen. Und manch einkommensarme Person hat durchaus eine finanzielle Reserve, wie die Zahlen zeigen:

Laut SOEP-Daten besitzt jeder sechste einkommensarme Erwachsene ein hinreichend hohes Vermögen, um sich für mindestens zehn Jahre aus seiner prekären Lage zu befreien, laut EVS ist es sogar fast jeder Fünfte.

Diese Zahlen verändern sich auch wenig, wenn man das selbst genutzte Häuschen nicht mit zum auflösbaren Vermögen zählt. Hausrat und Auto werden bei dieser Rechnung ohnehin nicht berücksichtigt.

Auch unter den Einkommensarmen hat die ältere Generation am meisten gehortet: So könnte sich mehr als jeder vierte vermeintlich arme Senior mithilfe seines Vermögens über die Armutsschwelle hieven.

Judith Niehues / Christoph SchröderIntegrierte Einkommens- und VermögensbetrachtungIW-Trends 1/2012

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