Verteilungsdebatte Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Verzerrte Wahrnehmung

Deutschland paradox: Während die Mehrheit der Bundesbürger die Einkommens- und Statusunterschiede im Lande kritisch sieht, bewerten die meisten ihre persönliche Lage als positiv.

Kernaussagen in Kürze:
  • Obwohl die wirtschaftliche Lage in Deutschland sehr gut ist, nehmen es die Deutschen anders wahr.
  • Mehr als die Hälfte der Bundesbürger sind der Überzeugung, in Deutschland gehöre der Großteil der Bevölkerung zum unteren Bereich der Gesellschaft.
  • Nahezu 80 Prozent der befragten Bundesbürger sehen sich in der oberen Hälfte einer zehnstufigen Oben-Unten-Skala.
Zur detaillierten Fassung

Eigentlich ist die wirtschaftliche Situation in Deutschland sehr gut, von den meisten europäischen Nachbarn werden wir jedenfalls beneidet. Auch die Entwicklung der Ungleichheit lässt nach einem Anstieg um die Jahrtausendwende wieder optimistisch in die Zukunft blicken.

Trotz der guten Wirtschaftslage und Aussichten war der Bundestagswahlkampf aber von einer heftigen Verteilungsdebatte geprägt. Mindestlohn, Mütterrente, Rente mit 63 – auch der Koalitionsvertrag wird von Gerechtigkeits- und Verteilungsthemen beherrscht. Doch warum?

Maßgeblich für die Beurteilung der Gerechtigkeit sind offensichtlich nicht die objektiven Fakten, sondern vielmehr subjektiv geprägte Wahrnehmungen über die Verteilungsverhältnisse in der Gesellschaft, das zeigt eine repräsentative Studie des Sozio-oekonomischen Panels. Dazu haben sich im Sommer 2011 mehr als 1.000 Personen Diagramme mit idealtypischen Gesellschaftsformen angesehen (Grafik). Die Teilnehmer sollten einschätzen, welches Bild am ehesten der Gesellschaftsform in Deutschland entspricht. Der größte Teil entschied sich für Antwort B:

Knapp ein Drittel der Befragten denkt, die deutsche Gesellschaft gleiche einer Pyramide – mit wenigen Menschen am oberen Ende der Einkommensskala, einer etwas größeren Mittelschicht und den meisten Menschen unten.

Ein weiteres Fünftel meint, dass es praktisch keine Mittelschicht gibt, sondern die große Masse der Bevölkerung am unteren Ende der Gesellschaft lebt (Typ A). Das heißt:

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger sind der Überzeugung, in Deutschland gehöre der Großteil der Bevölkerung zum unteren Bereich der Gesellschaft.

Bei Befragten mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist die Zustimmung für das Pyramidenmodell (Typ B) mit knapp 40 Prozent noch höher. Diejenigen mit einem vergleichsweise hohen Haushaltsnettoeinkommen von monatlich über 3.500 Euro sehen mehr Menschen in der Mitte der Bevölkerung – jeweils 30 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe entschieden sich für Typ B oder C. Im Klartext:

Obwohl das typische Mittelschichtsmodell (Typ D) in Deutschland gemeinhin als Idealmodell gilt, sind nur sehr wenige Bundesbürger der Meinung, dass dieses Modell tatsächlich zutrifft.

Fragt man die Deutschen dagegen, wo sie sich selbst finanziell einordnen, sehen sich laut der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) 2012 mehr als 60 Prozent der Befragten als Mitglied der Mittelschicht – das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Dazu kommen weitere 10 Prozent, die sich in die obere Mittelschicht eingruppieren.

Dieses – vollkommen andere – Bild der Gesellschaftsstruktur in Deutschland bestätigt sich, wenn sich die Bundesbürger nicht nach Einkommen, sondern in eine Hierarchie einordnen (Grafik):

Nahezu 80 Prozent der befragten Bundesbürger sehen sich in der oberen Hälfte einer zehnstufigen Oben-Unten-Skala.

Die Verteilung der Antworten ähnelt auffällig stark Typ D der Gesellschaftsformen. Diesen haben gerade einmal 20 Prozent der Bevölkerung als zutreffend gewählt. Diese opti­mistische Selbsteinschätzung zeigt sich auch in anderen Studien: In der Studie des Sozio-oekonomischen Panels haben knapp 60 Prozent der Befragten ihren materiellen Lebensstandard als durchschnittlich angegeben. Rund ein Viertel schätzt seine Situation sogar als eher besser oder sehr viel besser ein. Nur 15 Prozent sehen sich eher schlechter als der Durchschnitt und lediglich 2 Prozent sehr viel schlechter.

Die Einschätzung der Bundesbürger ist also ziemlich widersprüchlich: Die Menschen vermuten eine ungleiche Gesellschaftsstruktur in Deutschland, ihre eigene Lage aber bewerten sie wesentlich besser. Und das spiegelt sich auch in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands wider:

In der aktuellen ALLBUS sehen 60 Prozent der Befragten ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sogar sehr gut an. Bei der Bewertung der „Lage der Nation“ tun dies aber lediglich 43 Prozent.

Auch ein Blick auf die tatsächliche Verteilung der Einkommen in Deutschland zeigt, dass die bundesdeutsche Gesellschaft eine Mittelschicht-Gesellschaft ist. In Relation zum Medianeinkommen – die eine Hälfte der Bevölkerung hat mehr, die andere weniger Geld zur Verfügung – lässt sich die Einkommensverteilung in Schichten darstellen.

Gemäß der Definition des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln gehören Personen mit einem Einkommen von 80 bis 150 Prozent des Medianeinkommens zur klassischen Einkommensmitte (vgl. iwd 30/2013) – für einen Alleinstehenden war das 2011 zum Beispiel bei monatlich 1.313 bis 2.462 Euro netto der Fall. Insgesamt gehört so gesehen rund die Hälfte der Bundesbürger zur Mitte. Etwa 30 Prozent der Deutschen haben geringere Einkommen, weitere 16 Prozent bilden die einkommensstarke Mitte darüber. Nicht einmal 4 Prozent der Bevölkerung gehören zu den Einkommensreichen – bei einem Single sind das netto mehr als 4.100 Euro im Monat.

Über die genaue Einteilung der Mittelschicht lässt sich zwar streiten – alle Abgrenzungen und Studien haben aber einen Punkt gemeinsam: Die meisten Bundesbürger gehören der Mittelschicht an.

Bildlich entspricht die Einkommensverteilung in Deutschland eher einem Tannenbaum als einer Pyramide – mit lediglich wenigen Menschen ganz unten und einer breiten Mittelschicht.

Dass die Deutschen ihre persönliche Situation als besser einschätzen als die Gesamtsituation, ist allerdings kein neues Phänomen in der empirischen Sozialforschung – es hängt aber stark von der kulturellen Prägung ab. In den USA beispielsweise sieht die Bevölkerung die Verteilung wesentlich optimistischer, als es die Fakten zur Einkommensverteilung nahelegen.

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