Mindestlöhne Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Versteckte Nebenwirkungen

Das Bundesarbeitsministerium hat sechs Forschungsinstitute beauftragt zu analysieren, welche Auswirkungen die in vielen Branchen eingeführten Mindestlöhne haben. Aus den Berichten geht hervor, dass sich zwar keine negativen Beschäftigungseffekte nachweisen lassen, die Lohnstruktur aber zum Teil stark eingeebnet wurde – mit unerwünschten Nebenwirkungen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Durch Mindestlöhne sind zwar keine negativen Beschäftigungseffekte nachzuweisen, jedoch können durch die eingeebnete Lohnstruktur unerwünschte Nebenwirkungen entstehen.
  • Bis zum Jahr 2012 haben bisher elf Branchen einen Mindestlohn eingeführt.
  • Durch einige Mindestlohnanhebungen reduzieren Unternehmen offenbar freiwillige Leistungen, um die erhöhten Lohnzahlungen gegen zu finanzieren.
Zur detaillierten Fassung

In kaum einem Land wird so kontrovers über gesetzliche Mindestlöhne diskutiert wie in der Bundesrepublik. Die Politik verfolgt seit 1996 die Strategie, anstelle eines allgemeinen Mindestlohns Lohnuntergrenzen für einzelne Branchen vorzuschreiben, auf die sich die Tarifparteien aber zuvor einigen müssen.

Derzeit gibt es in elf Branchen Mindestlöhne – seit Januar 2012 gehört auch die Zeitarbeit dazu.

In zehn der elf Branchen werden die Mindestlöhne nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz (AEntG) durch das Bundesarbeitsministerium für allgemeinverbindlich erklärt, die Zeitarbeit wird gesondert im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geregelt.

Neben den acht von den Forschungsinstituten bewerteten Branchen (Tableau) und der Zeitarbeit gibt es derzeit auch bei den Bergbau-Spezialgesellschaften und im Wach- und Sicherheitsgewerbe branchenbezogene Mindestlöhne.

In vielen Branchen unterschreiten die Mindestlöhne die von den Gewerkschaften immer wieder ins Spiel gebrachten 8,50 Euro pro Stunde. In der Abfallwirtschaft beispielsweise beträgt der Mindestlohn seit dem Jahr 2010 genau 8,33 Euro je Stunde, bei Wäschereien sind es 6,75 Euro.

Die Forschungsinstitute wollten vor allem wissen, ob der Mindestlohn Jobs vernichtet und den Wettbewerb verzerrt – sie prüften aber auch, ob und welche Nebenwirkungen sonst noch zu beobachten waren. Dazu wurden Betriebe befragt, Experteninterviews geführt, Fallstudien erstellt und die gewonnenen Daten mithilfe quantitativ-ökonometrischer Verfahren ausgewertet. Die wichtigsten Ergebnisse:

Arbeitsplätze.

Keine der sechs Expertisen hat negative Auswirkungen auf das Beschäftigungsniveau oder das Jobwachstum festgestellt. Allerdings lassen sich Verdrängungseffekte beobachten. In der Abfallwirtschaft wurden Vollzeitarbeitsplätze abgebaut und dafür Minijobber eingestellt, um Lohnnebenkosten zu sparen. Ähnliches gilt für das Elektrohandwerk.

Das Dachdeckerhandwerk hat geringqualifizierte Kräfte durch Fachkräfte ersetzt. So konnte die Arbeitsproduktivität an das höhere Lohnniveau angepasst werden.

Betroffene.

Je nach Branche muss­ten die Unternehmen infolge des Mindestlohns manchmal vielen und manchmal nur wenigen Mitarbeitern mehr Geld zahlen. In den Wäschereien bekamen 40 Prozent aller Beschäftigten eine Lohnerhöhung, in der Abfallwirtschaft dagegen lediglich 6 Prozent der Mitarbeiter. Aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus im Osten profitierten dort generell mehr Arbeitnehmer vom Mindestlohn als im Westen.

Finanzielle Auswirkungen.

Die meisten Arbeitnehmer hatten nach der Einführung von Branchenmindestlöhnen deutlich mehr Geld in der Tasche. Ohne Mindestlohn betrügen zum Beispiel die Löhne in der Gebäudereinigung nach Auffassung der Gutachter nur 5 bis 6 Euro pro Stunde – statt jetzt 7 bis 11 Euro.

Allerdings mussten anderswo Mitarbeiter – so paradox es klingt – auch Lohneinbußen hinnehmen. Im ostdeutschen Dachdeckerhandwerk hat der Mindestlohn zu einer fast einheitlichen Bezahlung geführt. Hier wurden offenbar freiwillige Leistungen reduziert, um die vorgeschriebenen Mindestlohnanhebungen gegenfinanzieren zu können. Dies ließ sich durchsetzen, weil die ostdeutschen Dachdecker nicht bereit waren, sich nach besser bezahlten Jobalternativen umzusehen.

Einführung von Miondestlöhnen in Branchen und deren Auswirkungen Im ostdeutschen Maler- und Lackiererhandwerk lässt sich ebenfalls eine solche – der Fachmann sagt „gestauchte“ – Lohnstruktur nachweisen. Dort büßten die Betriebe auch Umsätze ein, weil Kunden offenbar nur begrenzt gewillt waren, höhere Preise zu zahlen.

Dass die Mindestlöhne den Unternehmen weniger geschadet haben als angenommen, hängt mit dem behutsamen Vorgehen der Tarifpartner zusammen. Arbeitgeber und Gewerkschaften haben die Mindestlöhne an die branchenspezifischen Besonderheiten angepasst und Einheitslösungen vermieden. Die jeweiligen Gewerkschaften haben sich sehr pragmatisch verhalten und nicht auf die vom DGB propagierte Untergrenze von 8,50 Euro gepocht.

Die differenzierten Mindestlöhne sind auf der einen Seite durchaus marktkonform, denn sie haben unter dem Strich kaum Jobs gekostet. Auf der anderen Seite wird sich zeigen müssen, ob der Trend zum Einheitslohn, der in bestimmten Branchen zu beobachten ist, auch von jenen Beschäftigten mittel- bis langfristig akzeptiert wird, denen Zulagen gestrichen wurden. Wenn diese Mitarbeiter abwandern, könnten unter dem Strich doch noch Jobs verloren gehen. Insofern ist es für eine endgültige Bilanz noch zu früh.

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