Sozialpartnerschaft Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Verhandeln auf Augenhöhe

Seit 1971 kommen die Tarifpartner in der Chemischen Industrie ohne Streik aus. Aus Konfliktparteien wurden Kooperations- und Sozialpartner, die zu den Wegbereitern des modernen Flächentarifvertrags gehören und zahlreiche innovative Problemlösungen gefunden haben.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Chemische Industrie verhandelt in der Regel nahezu geräuschlos, obwohl dort die selben Gegensätze überbrückt werden müssen wie in anderen Branchen.
  • Die Chemische Industrie hat eine überdurchschnittliche Lohndynamik vorzuweisen.
  • Die IG Metall pflegt nach wie vor das überkommene Ritual des Warnstreiks.
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Eine funktionierende Sozialpartnerschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften kooperativ und pragmatisch nach den besten Lösungen für die Unternehmen und deren Mitarbeiter suchen. In einem kontinuierlichen Dialog begegnen sich die Partner auf Augenhöhe, um Gegensätze zu überbrücken.

Wie sehr sich das in einem solchen Prozess entstehende Vertrauen auszahlt, zeigt sich an der Verhandlungskultur und an den Verhandlungsergebnissen:

Verhandlungskultur. Nicht nur Streiks sind in der Chemiebranche ausgeblieben. Auch andere, dem Arbeitskampf vorgelagerte Konfliktformen sind die Ausnahme (Grafik). Die Chemische Industrie verhandelt mithin nahezu geräuschlos, obwohl dort dieselben Gegensätze überbrückt werden müssen wie in anderen Branchen auch.

Die IG Metall dagegen pflegt nach wie vor das überkommene Ritual des Warnstreiks. Ver.di wehrt sich seit Jahren mit Streiks gegen Versuche der Arbeitgeber, den Flächentarifvertrag des Einzelhandels zu modernisieren. Und in der Bauindustrie kommen beide Seiten oftmals nur mithilfe eines Schlichters zu einem Vertragsabschluss.

Verhandlungsergebnisse. Streikfreie Verhandlungen und für beide Seiten akzeptable Tarifergebnisse sind in der Chemie kein Widerspruch. Die Branche hat nicht nur eine überdurchschnittliche Lohn­dynamik vorzuweisen (vgl. iwd 20/2015). Sie hat auch schon mehrfach innovative Lösungen für zentrale Herausforderungen gefunden, etwa hinsichtlich der Altersvorsorge oder des demografischen Wandels.

Schon seit 1988 sind Arbeiter und Angestellte gleichgestellt. Seit den 1990ern wurde der Flächentarifvertrag mehrfach modernisiert:

  • Im Jahr 1995 ersetzte ein Arbeitszeitkorridor von 35 bis 40 Stunden die frühere starre Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden.
  • Im Jahr 1997 führten IG Chemie und Chemie-Arbeitgeber erstmals einen Entgeltkorridor ein, wonach Tarifentgelte in bestimmten Fällen abgesenkt werden können.
  • Im Jahr 2002 reformierten die Sozialpartner die Jahressonderzahlung. Seitdem kann das Weihnachtsgeld durch eine Betriebsvereinbarung besser an die Ertragslage eines Unternehmens angepasst werden.

Diese und weitere flexible Instrumente haben zusammen mit neuen Regelungen zur Kurzarbeit auch geholfen, die schwere Wirtschaftskrise 2008/09 zu meistern.

Neben dem Abschluss moderner Tarifverträge haben die Sozialpartner auch verschiedene außertarifliche Vereinbarungen zu Themen wie Bildung, Nachhaltigkeit und Chancengleichheit getroffen.

Die Tarifpartner unterhalten darüber hinaus gemeinsame Einrichtungen wie den Unterstützungsverein für die Chemische Industrie, der schon seit 1975 Leistungen an Betriebsangehörige in Notlagen erbringt. Er unterstützt auch die seit 2000 existierende Initiative „Start in den Beruf“. Hier werden Schulabgänger mit Bildungsdefiziten nachqualifiziert, damit sie eine Ausbildung aufnehmen können.

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