Familienpolitik Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Vater, Mutter, Fachkraft

Zur Fachkräftesicherung in Deutschland kann auch die Familienpolitik beitragen. Das effektivste Mittel ist hierbei der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur. Gäbe es mehr Kitas und Ganztagsschulen, stünden dem Arbeitsmarkt laut einer IW-Studie bereits kurzfristig zusätzlich 240.000 qualifizierte Vollzeitkräfte zur Verfügung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Zur Fachkräftesicherung in Deutschland kann auch die Familienpolitik beitragen - das effektivste Mittel ist hierbei der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur.
  • Bei einer ausreichenden Ganztagsbetreuung, stünden dem Arbeitsmarkt mindestens 240.000 zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung – darunter 56.000 Akademiker.
  • Fast 37 Prozent der ehe- und familienbezogenen Leistungen kommen vor allem Familien zugute, in denen ein Partner nicht erwerbstätig ist.
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Kinderzuschlag, Kinderfreibetrag, Kindergeld, Elterngeld, Mutterschaftsgeld und demnächst noch das Betreuungsgeld: Dies sind nur einige der mehr als 150 ehe- und familienpolitischen Leistungen in Deutschland, für die der Staat jedes Jahr rund 200 Milliarden Euro aufwendet. Damit entfallen auf die Familienförderung 18 Prozent aller öffentlichen Ausgaben von zuletzt 1.106 Milliarden Euro.

Jüngst ist viel über Sinn und Unsinn der deutschen Familienpolitik diskutiert worden. Vor allem das Betreuungsgeld, das ab August an jene Eltern ausgezahlt wird, die sich selbst um ihre ein- und zweijährigen Kinder kümmern, erhitzt die Gemüter. Kein Wunder, trägt diese Leis­tung doch kaum zur Gleichberechtigung bei. Zudem vergrößert sie das Armutsrisiko der Frauen, die wegen des Geldes daheimbleiben.

Meist geht es in den Debatten zur Familienpolitik darum, wie zielführend einzelne Maßnahmen tatsächlich sind. Eine Antwort gibt nun das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zumindest auf die Frage, wie wirksam die staatliche Familienförderung in Bezug auf die Fachkräftesicherung ist. Zwar ist dies nicht das primäre Ziel von Familienpolitik, dennoch kann sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Die IW-Studie unterscheidet dabei drei Ansatzpunkte:

1. Erhöhung der Geburtenrate. Natürlich kann ein künftiger „Babyboom“ nicht die derzeitigen Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen. Mit einer Verzögerung von 20 Jahren dürfte eine höhere Geburtenrate aber dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern. Und 20 Jahre sind schnell rum.

Deshalb sollte die Politik für junge Familien Rahmenbedingungen schaffen, die es ihnen möglichst leicht machen, Kinderwünsche zu realisieren. Die meisten Paare entscheiden sich umso eher für Kinder, je einfacher sie familiäre Verpflichtungen mit einer beruflichen Tätigkeit vereinbaren können.

2. Frühe Bildung. Die Basis für die schulische Laufbahn wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Für die Kompetenzentwicklung spielt deshalb die frühkindliche und vorschulische Bildung eine entscheidende Rolle – langfristig ist sie sogar für das Bildungsniveau der Bevölkerung insgesamt mitverantwortlich.

3. Höhere Erwerbsbeteiligung. Insbesondere Mütter unterbrechen oder schränken ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt eines Kindes für längere Zeit ein. Wie lange diese familienbedingten Auszeiten dauern, hängt aber häufig nicht nur vom Willen der Eltern ab. Viele Väter und vor allem viele Mütter würden gerne (mehr) arbeiten, wenn die organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen stimmen würden.

Die effizienteste familienpolitische Maßnahme zur Fachkräftesicherung ist deshalb der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur (Grafik):

Wenn es eine ausreichende Ganztagsbetreuung für Kinder bis zwölf Jahre gäbe, stünden dem Arbeitsmarkt mindestens 240.000 zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung – darunter 56.000 Akademiker.

Anzahl der möglichen Vollzeitkräfte bei einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung.

Das Fachkräftepotenzial mit Hochschulabschluss könnte vor allem Lücken in den Erziehungs-, Sprach- und Kulturwissenschaften schließen, denn 24.000 der 56.000 Akademiker haben einen entsprechenden Abschluss. Unter den beruflich Qualifizierten käme es zu einem Schub von Bankern, Rechtsanwaltsfachangestellten und Erziehern: Rund die Hälfte der insgesamt 188.000 zusätzlichen Vollzeitkräfte mit beruflichem Abschluss hat einen rechts-, wirtschafts- oder sozialwissenschaftlichen Background.

Die insgesamt 240.000 zusätzlichen Vollzeitkräfte stellen allerdings nur die Untergrenze der möglichen zusätzlichen Beschäftigten dar. Unter optimistischen Annahmen steigt ihre Zahl sogar auf mehr als 1 Million Vollzeitäquivalente.

Schließlich gibt es noch einen weiteren Grund, warum der Ausbau der Betreuungseinrichtungen sinnvoll ist: Kitas, Tagesmütter und Ganztagsschulen erhöhen die Wahlfreiheit von Eltern. Gegenwärtig unterstützt die Familienpolitik vor allem das Einzel-Verdienermodell – für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird deutlich weniger Geld in die Hand genommen (Grafik):

Fast 37 Prozent der ehe- und familienbezogenen Leistungen kommen vor allem Familien zugute, in denen ein Partner nicht erwerbstätig ist.

Staatliche Ausgaben für ehe- und familienbezogene Leistungen.

Ein typisches Beispiel: Geht die Frau nach einer Kinderauszeit (wieder) arbeiten, entfällt für sie die beitragsfreie Mitversicherung in der Sozialversicherung.

Maßnahmen, die der Fachkräftesicherung dienen – also etwa Ausgaben für die Kindertagesbetreuung oder das Elterngeld –, schlagen dagegen nur mit knapp 12 Prozent des Gesamtbudgets der Familienleis­tungen zu Buche.

Wido Geis / Axel Plünnecke
Fachkräftesicherung durch Familienpolitik
IW-Positionen Nr. 60, Köln 2013, 60 Seiten, 11,80 Euro
Versandkostenfreie Bestellung unter: www.iwmedien.de/bookshop

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