Berufsschullehrer Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Ungleiche Arbeitsbedingungen

Wie viele Stunden Vollzeitlehrkräfte an Berufsschulen unterrichten, hängt ganz davon ab, in welchem Bundesland sie arbeiten. Letzten Endes beeinflusst das die Chancengleichheit der Schüler.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wie viele Stunden Vollzeitlehrkräfte an Berufsschulen unterrichten, hängt ganz davon ab, in welchem Bundesland sie arbeiten.
  • In Mecklenburg-Vorpommern unterrichteten Berufsschullehrer im vergangenen Schuljahr 23 Wochenstunden – so viele wie in keinem anderen Bundesland.
  • Sieben von zehn Unternehmen sind grundsätzlich bereit, leistungsschwächere Jugendliche auszubilden.
Zur detaillierten Fassung

Zwischen Schwerin und Erfurt liegen nicht nur 470 Kilometer, sondern Welten – zumindest für Berufsschullehrer (Grafik):

In Mecklenburg-Vorpommern unterrichteten Berufsschullehrer im vergangenen Schuljahr 23 Wochenstunden – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Die Kollegen in Thüringen kamen auf 18 Stunden – so wenige wie in keinem anderen Bundesland.

Dieser Unterschied von annähernd 30 Prozent fällt in der längerfristigen gesamtdeutschen Betrachtung unter den Tisch: Mit durchschnittlich 21 Unterrichtsstunden pro Woche ist die offizielle Arbeitsbelastung von Berufsschullehrern in den vergangenen zwanzig Jahren praktisch gleich geblieben.

Die tatsächliche Arbeitszeit fällt allerdings weit höher aus. Denn zum einen zählt die Statistik auch langfristig Erkrankte und Lehrer in Elternzeit zur Gesamtzahl der Lehrkräfte – sodass die Größe der Kollegien regelmäßig überschätzt wird. Zum anderen ist die reine Unterrichtszeit eben nur ein Teil der Arbeit – der andere besteht aus der Vor- und Nachbereitung, aus organisatorischen Aufgaben als Klassen- oder Betreuungslehrer, aus Schulsozial- und Elternarbeit oder aus der Kontaktpflege zu Unternehmen.

Die große Unwucht in der Stundenverteilung resultiert zum Teil daraus, dass die Bundesländer ihren jeweiligen Lehrern unterschiedlich viele Pflichtstunden vorschreiben. Hinzu kommt, dass sich auch die Altersstruktur der Lehrerschaft von Land zu Land stark unterscheidet – und ältere Lehrer in der Regel weniger Stunden unterrichten müssen als jüngere Kollegen. Und schließlich weichen die zeitlichen Arbeitsbelastungen auch deshalb so stark voneinander ab, weil die Lehrer je nach Bundesland unterschiedlich viele Überstunden leisten müssen.

Den Fokus auf die Zahl der Unterrichtsstunden zu richten, ist deshalb wichtig, weil die Lehrkräfte heute vor einer doppelten Herausforderung stehen. Zum einen sind die Lehrinhalte in vielen Berufen komplexer geworden, zum anderen ist die Schülerschaft heute so heterogen wie nie zuvor.

Die Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung sowie die zunehmende Integration von Auszubildenden aus dem europäischen Ausland machen den Job der Berufsschullehrer immer anspruchsvoller. Sie müssen sich interkulturelle Kompetenzen aneignen und werden künftig deutlich mehr Zeit für die soziale Betreuung und die Lernbegleitung des einzelnen Schülers benötigen. Auch die Wirtschaft schenkt diesen Zielgruppen große Aufmerksamkeit, so eine DIHK-Umfrage von 2013:

Sieben von zehn Unternehmen sind grundsätzlich bereit, leistungsschwächere Jugendliche auszubilden.

Damit Berufsschüler in allen Regionen und Ausbildungsberufen vergleichbare und bestmögliche Chancen erhalten, müssen die Bundesländer die großen Unterschiede in der Arbeitsbelastung der Lehrer besei­tigen. Dazu gehört, die Zahl der Pflichtstunden zu vereinheitlichen. Außerdem sollten die Schulen größere Entscheidungsfreiheiten bei der Auswahl und dem Einsatz von neuen Lehrkräften bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de