Katalonien Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Unabhängigkeit bleibt auf der Agenda

Auf Druck des spanischen Verfassungsgerichts und der Zentralregierung in Madrid hat Katalonien das für den 9. November geplante Referendum zur Unabhängigkeit der Region abgesagt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben – schließlich geht es um viel Geld.

Kernaussagen in Kürze:
  • Auf Druck des spanischen Verfassungsgerichts und der Zentralregierung in Madrid hat Katalonien das für den 9. November geplante Referendum zur Unabhängigkeit der Region abgesagt.
  • Für das relativ hohe Bruttoinlandsprodukt Kataloniens und die überdurchschnittlichen Einkommen sorgen unter anderem einestarke Automobilindustrie und der florierende Tourismus.
  • Nach einer Abspaltung Katalonien wären ungeklärte Fragen beispielsweise nach derEU-Mitgliedschaft oder der künftigen Währung zu eruieren.
Zur detaillierten Fassung

Katalanen verdienen ordentlich

Verfügbares Nettoeinkommen je Einwohner im Jahr 2011 in Euro – Klicken Sie auf die Regionen, um mehr zu erfahren

Quelle: Eurostat

Die Karte können Sie kostenlos auf Ihrer Website einbetten. Schicken Sie eine Mail an onlineredaktion@iwkoeln.de.

Dass sich viele Katalanen von Spanien lösen wollen, hat zum Teil über Jahrhunderte gewachsene Gründe – wie die regionale Kultur und die lebendige eigene Sprache. Doch auch der schnöde Mammon dürfte eine wesentliche Rolle spielen, schließlich erwirtschaftet Katalonien mit 16 Prozent der spanischen Bevölkerung 19 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes.

Für das relativ hohe Bruttoinlandsprodukt und die überdurchschnittlichen Einkommen sorgen unter anderem eine starke Automobilindustrie und der florierende Tourismus. Die dadurch erzielten Steuereinnahmen von zuletzt 17 Milliarden Euro – ein Fünftel des Aufkommens aller spanischen Regionen – würden die Katalanen gerne selbst behalten. Bislang müssen sie einen erheblichen Teil davon in den spanischen Länderfinanzausgleich stecken.

Vor diesem Hintergrund setzt die katalanische Regierung nach der erzwungenen Absage des November-Referendums nun auf vorgezogene Regionalwahlen, um die Bürger quasi indirekt zum Thema Unabhängigkeit zu befragen. Doch selbst wenn die Befürworter der Abspaltung noch stärker werden sollten, dürfte Madrid alles daran setzen, dass eine in Sachen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur so bedeutende Region im Landesverbund bleibt.

Zudem ist völlig unklar, wie es mit Katalonien nach einer Trennung von Spanien weitergehen würde. Da wäre zum Beispiel die Frage nach der EU-Mitgliedschaft oder der künftigen Währung – Themen, die vermutlich mit dazu beigetragen haben, dass sich die Schotten vor kurzem gegen die Unabhängigkeit entschieden haben.

Mit gut 32.000 Quadratkilometern ist Katalonien die sechstgrößte der 19 spanischen Regionen. Nummer eins ist „Kastilien und León“ im Nordwesten des Landes mit mehr als 94.000 Quadratkilometern. Hinsichtlich der Bevölkerung belegt Katalonien mit seiner 1,6-Millionen-Metropole Barcelona dagegen hinter Andalusien Rang zwei. Die mit Abstand kleinsten Regionen sind die autonomen Städte Ceuta und Melilla – sie liegen als spanische Exklaven auf dem afrikanischen Kontinent und zählen jeweils weniger als 100.000 Einwohner.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von zuletzt gut 1 Billion Euro ist Spanien die fünftgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union. Katalonien trug im Jahr 2011 knapp 19 Prozent zur spanischen Wirtschaftsleistung bei und lag damit knapp vor Madrid auf dem ersten Platz aller Regionen des Landes. Je Einwohner gerechnet, ist Katalonien allerdings nur die Nummer vier – hinter dem Baskenland, Madrid und dem südlich der Pyrenäen gelegenen Navarra.

Die Euro-Schuldenkrise hat die spanische Wirtschaft gebeutelt – entsprechend dramatisch ist vielerorts die Arbeitsmarktsituation. Im Schnitt hatten im vergangenen Jahr gut 26 Prozent aller Erwerbspersonen in Spanien keine Stelle. In Katalonien war die Lage ein wenig besser – mit rund 23 Prozent lag die Arbeitslosenquote knapp unter dem Landesdurchschnitt. Die geringste Quote verzeichnete 2013 das Baskenland (17 Prozent), die meisten Arbeitslosen gab es in Andalusien (36 Prozent).

Dass Katalonien eine recht wirtschaftsstarke Region ist, lässt sich auch am Pro-Kopf-Einkommen ablesen. Nach Abzug von Steuern und Abgaben hatte jeder Katalane 2011 im Schnitt 16.100 Euro zur Verfügung – gut 2.000 Euro mehr als der Durchschnittsspanier. Das höchste Nettoeinkommen aller spanischen Regionen konnten allerdings die Einwohner des Baskenlandes mit je 18.900 Euro für sich verbuchen. Die rote Laterne hielten die Menschen in der Extremadura im Südwesten Spaniens mit lediglich 10.800 Euro.

Barcelona mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten sowie die Strände der Costa Brava und Costa Dorada – Katalonien bietet viele Attraktionen. Entsprechend zählten die Hotels und Pensionen der Region im vergangenen Jahr mehr als 70 Millionen Übernachtungen von in- und ausländischen Gästen. Damit zog Katalonien zwar nicht ganz so viele Touristen an wie die Kanarischen Inseln mit 89,8 Millionen, aber mehr als die Balearen, die trotz der Urlauberhochburg Mallorca insgesamt nur auf 65,3 Millionen Gästeübernachtungen kamen.

Von den knapp drei Millionen Beschäftigten Kataloniens arbeiten nahezu drei Viertel im Dienstleistungssektor. Die weitaus stärkste Servicebranche ist dabei der Handel mit zuletzt gut 500.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 110 Milliarden Euro. Jeweils mehr als 200.000 Katalanen sind im Verwaltungsbereich sowie im Gastgewerbe tätig. Der wichtigste Arbeitgeber in der Industrie ist die Nahrungsmittelbranche mit gut 67.000 Beschäftigten.

Frankreich und Deutschland sind die wichtigsten Handelspartner Kataloniens. Allein 28 Prozent der Exporte aus der Region wurden im vergangenen Jahr an französische und deutsche Kunden verkauft. Die bedeutendste Exportbranche ist die Chemie – ihre Ausfuhren erreichten 2013 einen Wert von 14,4 Milliarden Euro –, gefolgt vom Fahrzeugbau mit 9,8 Milliarden Euro und der Nahrungsmittelindustrie mit 6,7 Milliarden Euro. Chemische Erzeugnisse sowie Fahrzeuge und Fahrzeugteile dominieren aber auch die Importseite. Der drittgrößte Posten auf der Einfuhrrechnung sind Energieprodukte.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de