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Überzogene Forderungen

Die IG Metall will in der nächsten Tarifrunde nicht nur eine Lohn­erhöhung von 5,5 Prozent durchsetzen, sondern auch Regelungen zur Altersteilzeit und eine neue Bildungsteilzeit. Diese Forderungen passen allerdings nicht in die derzeitige fragile ökonomische Landschaft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Orientierungsmaßstab für Lohnsteigerungen ist die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung.
  • Wenn diese Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen, muss die Lohnentwicklung auf die eingetrübten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen reagieren – zumal die exportorientierte M+E-Industrie derzeit kaum Spielräume für eine Preisüberwälzung hat.
  • Doch die IG Metall will nicht nur höhere Löhne, sondern noch mehr: Neben der Altersteilzeit, die wegen der Rente mit 63 neu geregelt werden muss, fordert die Gewerkschaft erstmals auch eine Bildungsteilzeit für die persönliche Weiterbildung.
Zur detaillierten Fassung

In einer so großen und heterogenen Branche wie der M+E-Industrie ist es schwierig, alle Einkommens­erwartungen unter einen Hut zu bringen. Nach einer Diskussion innerhalb der einzelnen Bezirke zeichnet sich nun ab, dass die IG Metall für ihre Mitglieder in der im Januar 2015 startenden Tarifrunde 5,5 Prozent mehr Geld für zwölf Monate haben will. Sie begründet dies mit der Trendrate des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums von 1,5 Prozent, der von der Europäischen Zentralbank angestrebten Inflationsrate von 2 Prozent und mit einer Umverteilungskomponente.

Die Forderung ist nicht nur angesichts eingetrübter Geschäftsaussichten und magerer Wachstumsprognosen mehr als ambitioniert. Auch ein Blick auf den lohnpolitischen Verteilungsspielraum gibt für die nächste Tarifrunde nicht viel her.

Orientierungsmaßstab für Lohnsteigerungen ist die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung. Diese lag im Durchschnitt der vergangenen Jahre bei knapp 1 Prozent, Tendenz sinkend. Ein Grund für das im Vergleich zu früher magere Produktivitätswachstum ist der Beschäftigungsaufbau. Derzeit liegt die Zahl der Erwerbstätigen mit 42,3 Millionen auf Rekordniveau.

Die M+E-Unternehmen haben zwischen März 2010 und August 2014 etwa 310.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Dabei handelt es sich vor allem um gut bezahlte Stellen. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittsentgelt je M+E-Beschäftigten bei brutto 51.000 Euro.

Wenn diese Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen, muss die Lohnentwicklung auf die eingetrübten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen reagieren – zumal die export­orientierte M+E-Industrie derzeit kaum Spielräume für eine Preisüberwälzung hat.

Im vergangenen Jahr waren sowohl die Erzeugerpreise als auch die Ausfuhrpreise leicht rückläufig. Diese Tendenz hat sich im ersten Halbjahr 2014 fortgesetzt.

Die IG Metall täte daher gut daran, auf die Preiskomponente in ihrer Lohnforderung zu verzichten. In der Chemischen Industrie scheint der Realitätssinn ausgeprägter. Dort wurde ein Korridor von 4 bis 5 Prozent genannt.

Doch die IG Metall will nicht nur höhere Löhne, sondern noch mehr: Neben der Altersteilzeit, die wegen der Rente mit 63 neu geregelt werden muss, fordert die Gewerkschaft erstmals auch eine Bildungsteilzeit für die persönliche Weiterbildung – auf Kosten der Unternehmen.

Aber: Schon heute investieren die M+E-Unternehmen über 8 Milliarden Euro in die bedarfsgerechte und gezielte Qualifikation ihrer Mitarbeiter. Eine davon unabhängige persönliche Weiterbildung nach dem Modell der IG Metall würde die Betriebe doppelt belasten – die Freigestellten fehlen ihnen dann nicht nur, die Firmen sollen diesen Ausfall auch noch mitfinanzieren.

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