Außenhandel 16.11.2016 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Überschüsse in der Leistungsbilanz sind kein Sanktionsgrund

Die deutsche Wirtschaft schreibt im Außenhandel schwarze Zahlen. Anders als oft behauptet geht der Leistungsbilanzüberschuss jedoch nicht zulasten der Krisenländer im Euroraum. Vielmehr hat der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer zu einer besonders großen Nachfrage nach Produkten der deutschen Investitionsgüterbranche geführt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Durchschnitt der Jahre 2013 bis 2015 erzielte Deutschland mit 7,5 Prozent des BIP den zweithöchsten Leistungsbilanzüberschuss aller Euroländer.
  • Die deutschen Überschüsse sind vor allem auf die wirtschaftliche Aufholjagd der Schwellen- und Entwicklungsländer seit der Jahrtausendwende zurückzuführen.
  • Würde die hiesige Wirtschaft für ihre Handelserfolge von der EU bestraft, hätten darunter auch die Zulieferer in den anderen Euroländern zu leiden.
Zur detaillierten Fassung

Die Forscher des Münchener ifo Instituts haben der deutschen Wirtschaft für 2016 einen Überschuss im Außenhandel von 310 Milliarden Dollar oder 8,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) prognostiziert. Das würde im internationalen Ranking wohl erneut eine Spitzenposition bedeuten – zuletzt lagen in Europa nur die Niederlande vor der Bundesrepublik (Grafik):

Im Durchschnitt der Jahre 2013 bis 2015 erzielte Deutschland mit 7,5 Prozent des BIP den zweithöchsten Leistungsbilanzüberschuss aller Euroländer.

Nun hat die EU infolge der Staatsschuldenkrise das „Makroökonomische Überwachungsverfahren“ eingeführt. Es sieht unter anderem vor, dass Länder, die über drei Jahre einen positiven Leistungsbilanzsaldo von mehr als 6 Prozent der Wirtschaftsleistung erzielt haben, von Brüssel genauer kontrolliert werden und gegebenenfalls Maßnahmen gegen wirtschaftliche Ungleichgewichte ergreifen müssen. Schlimmstenfalls drohen sogar Bußgelder. Das wäre Wasser auf die Mühlen derjenigen, die der deutschen Wirtschaft vorwerfen, ihre Handelserfolge auf Kosten der schwächeren Euroländer zu erzielen.

Deutsche Überschüsse spiegeln Investitionsboom

Dem ist jedoch nicht so. Denn die deutschen Überschüsse sind vor allem auf die wirtschaftliche Aufholjagd der Schwellen- und Entwicklungsländer seit der Jahrtausendwende zurückzuführen. In den beiden Jahrzehnten zuvor war die Wirtschaft dort noch im gleichen Tempo gewachsen wie in den Industrieländern. Seither legte das preisbereinigte BIP in den reichen Volkswirtschaften um 28 Prozent zu, in den Schwellen- und Entwicklungsländern aber um 135 Prozent.

Die Bruttoinvestitionen in den Schwellen- und Entwicklungsländern erreichten 2014 den Rekordwert von 9,7 Billionen Dollar.

Im Zuge dessen verzeichneten Letztere einen Investitionsboom, der bis vor kurzem anhielt (Grafik):

Die Bruttoinvestitionen in den Schwellen- und Entwicklungsländern erreichten 2014 den Rekord von 9,7 Billionen Dollar – mehr als sechsmal so viel wie im Jahr 2000.

Dieser positive Nachfrageschock hat die deutsche Wirtschaft stärker begünstigt als viele andere Euroländer. Denn während die Investitionsgüterproduktion in Deutschland etwa im Jahr 2008 rund 14 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beitrug, waren es beispielsweise in Frankreich weniger als 6 Prozent.

Folglich konnten die deutschen Unternehmen während des globalen Investitionsbooms von 2008 vor allem im Außenhandel mit Investitionsgütern hohe Überschüsse erzielen – diese erreichten damals einen Wert von nahezu 340 Milliarden Dollar oder 9 Prozent des BIP. Damit waren aber eben nicht entsprechend hohe Defizite in den Euro-Krisenländern verbunden. Selbst Griechenland kam im gleichen Jahr im gesamten Außenhandel mit Maschinen, Produktions- und Transportanlagen nur auf ein Minus von 25 Milliarden Dollar.

Die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse spiegeln also vielmehr den Aufbau der Produktionskapazitäten in den Ländern außerhalb des Euroraums wider.

Negative Auswirkungen auf Zulieferer

Würde die heimische Wirtschaft nun für ihre Handelserfolge von der EU „bestraft“, käme dies somit nicht den Krisenländern des Euroraums zugute – im Gegenteil: Wenn die deutsche Investitionsgüterindustrie geschwächt würde, hätten darunter auch ihre Zulieferer in den anderen Euroländern zu leiden.

Zudem könnte das Ende der deutschen Überschüsse schneller kommen als gedacht. Im Jahr 2015 gingen die Investitionen weltweit zurück – in den Schwellen- und Entwicklungsländern gegenüber 2014 um mehr als 650 Milliarden Dollar. Hält dieser Trend an, wird sich das auch auf den deutschen Leistungsbilanzsaldo auswirken.

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