Türkei: Politisch problematisch, wirtschaftlich wichtig
Das Land zwischen Europa und Asien ist vor allem als Urlaubsdestination bekannt, doch die Türkei ist auch industriell gut aufgestellt. Mit der EU und insbesondere mit Deutschland treibt die Türkei regen Handel – nicht zuletzt dank der Zollunion.
- Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Türkei liegt in diesem Jahr bei schätzungsweise 1,64 Billionen Dollar – ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber 2025.
- Rund 20 Prozent der türkischen Waren gehen in den Export, knapp 43 Prozent davon landen in der EU. Unter den EU-Staaten ist der wichtigste türkische Handelspartner Deutschland.
- Darüber hinaus verbindet die beiden Länder eine lange gemeinsame Wirtschaftsgeschichte, insgesamt sind derzeit mehr als 8.000 deutsche Firmen oder türkische Betriebe mit deutscher Beteiligung in der Türkei aktiv.
Politische Gegner werden des Amtes enthoben oder landen im Gefängnis, die Versammlungsfreiheit ist eingeschränkt, die Presse überwiegend gleichgeschaltet: Offiziell ist die Türkei eine parlamentarische Demokratie, in der Realität droht sie aber unter Präsident Recep Erdoǧan in eine Autokratie abzugleiten.
Das geht nicht spurlos an der türkischen Wirtschaft vorüber. Als im Mai ein Gericht die Wahl von Özgür Özel, dem Parteichef der größten Oppositionspartei CHP, für ungültig erklärte, musste die Zentralbank noch am selben Tag 6 Milliarden Dollar an Reserven verkaufen, um die türkische Lira zu stützen. Die ist ohnehin unter Druck (Grafik):
Die Inflationsrate in der Türkei beträgt derzeit rund 32 Prozent – in Deutschland liegt sie unter 3 Prozent.
Obwohl also die Rahmenbedingungen nicht unbedingt ideal sind, ist die Türkei dennoch ein Land mit einer beachtlichen Wirtschaftsleistung: Dieses Jahr dürfte sie ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von schätzungsweise 1,64 Billionen Dollar erwirtschaften, das ist mehr als das BIP Saudi-Arabiens.
Anders als die deutsche wächst die türkische Wirtschaft auch vergleichsweise stark. Im Jahr 2025 betrug das BIP-Plus 3,6 Prozent, für dieses Jahr sind 3,4 Prozent prognostiziert. Ursache dafür ist nicht nur der Tourismus – mit rund 50 Millionen Besuchern im Jahr ist die Türkei das viertmeistbesuchte Land der Welt –, sondern auch der Umstand, dass die Türkei ein Industrieland ist: Rund ein Viertel des türkischen BIP stammt aus der Industrie, die vor allem Fahrzeuge und Fahrzeugteile produziert, aber auch Maschinen, Bekleidung, chemische Erzeugnisse und Kunststoffe, Lebensmittel, Stahl und Metall sowie elektronische Waren.
Im Jahr 2025 importierte die EU Waren im Wert von fast 103 Milliarden Euro aus der Türkei, die Exporte dorthin lagen knapp darüber. Unter den EU-Staaten ist der wichtigste türkische Handelspartner Deutschland.
Rund 20 Prozent der türkischen Waren gehen in den Export, knapp 43 Prozent davon landen in der EU. Dass die Staatengemeinschaft so ein wichtiger Handelspartner für die Türkei ist, hat mehrere Gründe. So sind die Transportwege Richtung Europa mit zwei bis sieben Tagen kurz. Außerdem macht die 1995 geschlossene Zollunion mit der EU den Warenaustausch attraktiv, da Industriegüter zwischen der Türkei und den EU-Mitgliedsstaaten ohne Zölle gehandelt werden können (Grafik):
2025 importierte die EU Waren im Wert von fast 103 Milliarden Euro aus der Türkei, die Exporte dorthin lagen knapp darüber.
Unter den EU-Staaten ist der wichtigste türkische Handelspartner Deutschland. Die Bundesrepublik kaufte 2025 vor allem Fahrzeuge und Fahrzeugteile (26,5 Prozent der entsprechenden Importe), Textilien und Bekleidung (18,5 Prozent), Maschinen (12,1 Prozent), Nahrungsmittel (7,9 Prozent) sowie Elektrotechnik (5,8 Prozent) in der Türkei ein. Der gesamte Warenwert für alle Einfuhren belief sich auf annähernd 26 Milliarden Euro (Grafik):
Umgekehrt gingen ebenfalls vor allem Fahrzeuge und Fahrzeugteile in die Türkei (25,4 Prozent der Exporte), gefolgt von Maschinen (22,9 Prozent) und chemischen Erzeugnissen (15 Prozent). Der Wert aller deutschen Exporte in die Türkei lag mit fast 30 Milliarden Euro leicht über dem Importwert.
Viele deutsche Firmen in der Türkei aktiv
Darüber hinaus verbindet die beiden Länder eine lange gemeinsame Wirtschaftsgeschichte. So ist Siemens seit 160 Jahren in der Türkei aktiv und die Deutsche Bank finanzierte ab 1888 maßgeblich den Bau der Bagdadbahn, die Konstantinopel – das heutige Istanbul – mit Bagdad verbinden sollte. Bosch eröffnete seinen ersten Produktionsstandort schon 1910 in der türkischen Stadt Bursa und ist heute mit knapp 19.000 Angestellten im Land der größte ausländische Arbeitgeber, wenngleich das Unternehmen im Mai angekündigt hat, dort 1.400 Arbeitsplätze abbauen zu wollen.
Insgesamt sind derzeit mehr als 8.000 deutsche Firmen oder türkische Betriebe mit deutscher Beteiligung in der Türkei aktiv.
Für traditionelle Branchen wie Kfz-Zuliefererbetriebe oder Textilunternehmen ist die Lage schwierig, da die Lohnkosten in der Türkei zuletzt stark gestiegen sind. Einige Textilfirmen sind deshalb bereits abgewandert, etwa ins günstigere Ägypten. Andere Branchen dagegen sehen Wachstumschancen. Der baden-württembergische Energieversorger EnBW baut beispielsweise Windkraftanlagen und E-Ladesäulen in der Türkei, wo 20 Prozent der verkauften Autos elektrisch sind. Das hängt nicht zuletzt mit der beliebten nationalen E-Automarke Togg zusammen – die erste Produktionscharge von 20.000 Autos im Jahr 2023 war so begehrt, dass sie unter den fast 180.000 Vorbestellungen verlost werden musste.