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Trendwende in Sicht

Seit fast zwei Jahren sinken die Preise in der Eurozone und die Inflationsrate entfernt sich immer weiter von jenen rund 2 Prozent, die die Europäische Zentralbank anstrebt. Volkswirte erwarten allerdings, dass die Preise ab nächstem Jahr anziehen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Viele Wirtschaftsforscher erwarten für 2016 leicht steigende Preise
  • Noch aber herrscht eher Angst vor Deflation
  • Sinkende Preise können eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen
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Sinkende Preise sind nicht grundsätzlich ein Problem. Dass zum Beispiel Computer und Smartphones immer günstiger werden, ist schlichtweg das Ergebnis von Marktwirtschaft, sprich Konkurrenz – und freut die Verbraucher. Auch die sinkenden Preise in den europäischen Krisenstaaten sind gut und gewollt, denn sie resultieren aus Strukturreformen, mit denen sich diese Länder wettbewerbsfähiger machen.

Zum Problem werden sinkende Preise erst, wenn sie flächendeckend auftreten und – weil alle weiter sinkende Preise erwarten und ihre Anschaffungen aufschieben – eine Abwärtsspirale in Gang setzen.

Dass so ein Deflationsszenario durchaus real ist, zeigt eine Statistik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Währungshüter befragen regelmäßig Wirtschaftsforscher und Prognostiker zu deren Inflationserwartungen (Grafik):

Für das Jahr 2015 sagen immerhin 31 Prozent der Wirtschaftsforscher weiter sinkende Preise voraus. Im vergangenen Jahr war nur 1 Prozent dieser Meinung.

Zwar hat es in der Geschichte des Euro noch nie so ausgeprägte Deflationserwartungen gegeben, allerdings vertrauen die Volkswirte offenbar auch darauf, dass die EZB ihr selbst gestecktes Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent schon bald wieder erreicht:

Rund die Hälfte der Experten rechnet damit, dass die Inflationsrate im Jahr 2016 mindestens 1 Prozent beträgt – für die drei Folgejahre erwarten das sogar 70 bis 90 Prozent.

Ein Grund für die erwartete Trendwende ist vermutlich die expansive Geldpolitik. Schon im Laufe des Jahres 2014 hatte die EZB unter anderem den Leitzins noch einmal gesenkt. Im Januar dieses Jahres legten die Notenbanker nach und kündigten an, die EZB werde von März 2015 bis September 2016 jeden Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro aufkaufen.

Diese Strategie hat durchaus Nachteile. Zum einen sinken die ohnehin niedrigen Zinsen noch weiter – Sparer stehen also auf der Verliererseite, denn sie bekommen ihr Geld praktisch gar nicht mehr verzinst. Zum anderen mögen die EZB-Käufe die Politiker der Krisenländer dazu verführen, eine Reformpause einzulegen, schließlich scheint die EZB ja noch genügend finanzielle Schlagkraft zu haben, um im Notfall einzuspringen.

Handeln mussten die Währungshüter trotzdem, denn ohne ihre expansive Geldpolitik wäre eine Deflationsspirale wohl immer wahr­scheinlicher geworden. Schon in den beiden vergangenen Monaten sind die Lebenshaltungskosten im Euroraum erstmals seit fünf Jahren zurückgegangen.

Um Sparer – aber auch Versicherungen, Stiftungen oder Sparkassen – mit den Niedrigzinsen nicht noch weiter zu belasten, muss die EZB dennoch möglichst bald ihren geldpolitischen Kurs ändern. Dies kann sie aber nur, wenn sich die Wirtschaft in den Euroländern erholt – doch dafür müssen die einzelnen Länder schon selbst sorgen, sprich die notwendigen Reformen umsetzen.

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