Tarifabschluss Metall- und Elektro-Industrie Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Tragfähiger Kompromiss

Drei Wochen nach Auslaufen der Friedenspflicht haben sich die Tarifparteien der M+E-Industrie in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Nach einem Nullmonat bekommen die Beschäftigten 4,3 Prozent mehr Geld. Außerdem erhalten Zeitarbeitnehmer und Jugendliche bessere Perspektiven.

Kernaussagen in Kürze:
  • Drei Wochen nach Auslaufen der Friedenspflicht haben sich die Tarifparteien der M+E-Industrie in Baden-Württemberg auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt.
  • Drei Viertel der ausgebildeten Nachwuchskräfte wurden bislang schon unbefristet von den Unternehmen übernommen.
  • Alle über den Bedarf Ausgebildeten haben keinen Anspruch auf Übernahme, auch nicht befristet.
Zur detaillierten Fassung

Die IG Metall hatte zu Beginn der Tarifrunde 2012 eine Lohnerhöhung von 6,5 Prozent, mehr Mitbestimmung bei der Zeitarbeit und eine unbefristete Übernahme für Auszubildende gefordert. Im Pilotbezirk Baden-Württemberg ist nun ein Kompromiss gefunden worden, der den M+E-Beschäftigten ein deutliches Reallohnplus beschert, den Auszubildenden mehr Sicherheit bietet und die Perspektiven für Zeitarbeitnehmer verbessert.

Gleichzeitig ist die notwendige Flexibilität der Unternehmen gesichert worden. Sie können weiterhin selbst entscheiden, ob sie Zeitarbeitnehmer einsetzen und wie viele Auszubildende sie unbefristet übernehmen. Profitieren könnten die Betriebe langfristig durch eine besondere Förderung von schwachen Schulabgängern. Die wichtigsten Eckpunkte des neuen Tarifvertrags:

1. Entgelt.

Nach einem Nullmonat (April) steigen die Entgelte rückwirkend zum 1. Mai 2012 um 4,3 Prozent. Bezogen auf die Laufzeit von 13 Monaten entspricht dies einer durchschnittlichen Erhöhung um knapp 4 Prozent. Dies sichert den 3,7 Millionen M+E-Beschäftigten weiterhin ein reales Kaufkraftplus: Seit 2000 haben die Tarifentgelte um fast 34 Prozent zugelegt, die Preise sind nur um knapp 22 Prozent gestiegen (Grafik).

2. Azubi-Übernahme.

Der Nachwuchsbedarf in den M+E-Berufen ist hoch. Einschließlich technischer IT-Berufe wurden im vergangenen Jahr 72.400 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen (Grafik).

Drei Viertel der ausgebildeten Nachwuchskräfte wurden bislang schon unbefristet von den Unternehmen übernommen.

Künftig bekommen laut Tarifvertrag die entsprechend dem Bedarf des Betriebs ausgebildeten Jugendlichen nach der Lehre ein Angebot für eine unbefristete Stelle. Der Arbeitgeber kann jedoch bestimmen, für wie viele und welche Auszubildenden dies gilt. Dabei sind zwei Varianten möglich:

Variante 1.

Der Arbeitgeber ermittelt vor Beginn der Ausbildung den absehbaren Bedarf für diesen Jahrgang. Dies wird in einer Betriebsvereinbarung festgehalten. Für diese Zahl an Auszubildenden muss er nach Abschluss der Lehre ein Angebot für eine unbefristete Beschäftigung vorlegen.

Alle über den Bedarf Ausgebildeten haben keinen Anspruch auf Übernahme, auch nicht befristet.

Variante 2.

Der Arbeitgeber ermittelt ein halbes Jahr vor dem Ausbildungsende den Übernahmebedarf mit dem Betriebsrat und legt dann die Zahl der jungen Leute fest, die er unbefristet übernimmt.

Alle Ausgebildeten, denen kein unbefristetes Arbeitsverhältnis angeboten wird, werden für mindestens zwölf Monate befristet übernommen. Bei akuten Beschäftigungsproblemen im Betrieb oder aus personenbezogenen Gründen kann die Übernahmeverpflichtung entfallen.

3. Zeitarbeit.

Die Betriebe können Zeitarbeit weiterhin als Flexibilitätspuffer nutzen – zur Abfederung von Auftragsschwankungen oder temporären Personalengpässen. In den ersten 24 Monaten des Einsatzes eines Zeitarbeitnehmers gibt es keine Einschränkungen. Spätestens nach diesen zwei Jahren muss der Zeitarbeitnehmer aber ein Übernahmeangebot in die Stammbelegschaft erhalten – sofern keine sachlichen Gründe eine längere Zeitarbeit rechtfertigen.

Eine Öffnungsklausel erlaubt abweichende betriebliche Regelungen über eine Betriebsvereinbarung. Wird darin zum Beispiel der Einsatz von Zeitarbeit beschnitten, kann dies kompensiert werden – beispielsweise indem der Anteil der Beschäftigten, der 40 Stunden pro Woche arbeiten darf (je nach Tarifgebiet zwischen 13 und 18 Prozent), um 12 Prozentpunkte erhöht wird.

4. Förderjahr.

Weitsicht bewiesen die Tarifparteien bei der Förderung von Schulabgängern, die den heutigen Anforderungen der M+E-Industrie nicht entsprechen. In sechs- bis zwölfmonatigen Maßnahmen können sie zum Beispiel ihre Fachkenntnisse verbessern oder lernen, mit dem Alltag im Betrieb zurechtzukommen.

Da Unternehmen und Verbände der Metall- und Elektro-Industrie auf diesem Feld schon mit unterschiedlichen regionalen Maßnahmen und Projekten aktiv sind, wird die Umsetzung des Förderjahres jeweils regionalspezifisch zwischen den Tarifpartnern vereinbart.

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