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Tariflich ein friedliches Jahr

Nachdem im vergangenen Jahr einige Verhandlungen aus dem Ruder liefen, ist im ersten Halbjahr 2016 wieder Ruhe in die Tarifpolitik eingekehrt. Es gab keine Großkonflikte und die Spartengewerkschaften agierten bislang geräuschlos.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Tarifverhandlungen sind im ersten Halbjahr 2016 vergleichsweise harmonisch verlaufen.
  • Es gab im ersten Halbjahr 2016 keine Großkonflikte, und die Spartengewerkschaften agierten bislang geräuschlos.
  • Das IW Köln bewertet mit seinem Konfliktbarometer nicht nur materielle Formen wie Warnstreiks und Streiks, sondern auch alle bei Tarifverhandlungen üblichen verbal-formalen Eskalationsstufen.
Zur detaillierten Fassung

Der soziale Frieden wird zumeist anhand der arbeitskampfbedingt ausgefallenen Arbeitstage beurteilt. Ein alternativer Indikator ist die Konfliktintensität. Dabei werden nicht nur hohe Eskalationsstufen wie Streiks und Aussperrungen berücksichtigt, sondern alle in Tarifverhandlungen üblichen Eskalationsformen wie Streikdrohungen, Urabstimmungen oder juristische Auseinandersetzungen (Kasten unten).

Eine Auswertung der Konfliktintensität für 13 Wirtschaftszweige mit insgesamt fast zwölf Millionen Beschäftigten zeigt, dass die Tarifverhandlungen im ersten Halbjahr 2016 vergleichsweise harmonisch verlaufen sind. Im Durchschnitt summierten sich die durchlaufenen Eskalationsstufen je Branche auf 7,9 Konfliktpunkte. Im vergangenen Jahr war die Konfliktintensität mit 20,6 Punkten noch fast dreimal so hoch (Tabelle).

Viele Verhandlungen verliefen fast konfliktfrei

Der Rückgang ergibt sich, weil es im ersten Halbjahr 2016 keine Großkonflikte gab und die Spartengewerkschaften entweder noch nicht verhandelt haben oder es weniger konfliktreich tun.

Bislang fanden in diesem Jahr in 11 der 13 Branchen, die regelmäßig vom IW Köln untersucht werden, Tarifverhandlungen statt. Von diesen eskalierten sechs bis zum Warnstreik, und zwar in der Metall- und Elektro-Industrie, im Öffentlichen Dienst, in der Druckindustrie, im Bankgewerbe sowie bei der Deutschen Telekom und bei T-Systems (Tabelle).

Im ersten Halbjahr 2016 gab es keine Großkonflikte und die Spartengewerkschaften blieben ruhig.

Die übrigen fünf Verhandlungen verliefen fast konfliktfrei:

Bei der Deutschen Flugsicherung wurden die Verhandlungen über einen neuen Strukturtarifvertrag mit der Fluglotsengewerkschaft GdF im April einmal abgebrochen, aber schon im Mai wieder aufgenommen. Ein Abschluss steht allerdings noch aus.

In der Chemischen Industrie und im Bauhauptgewerbe kamen die Tarifpartner auf dem Verhandlungsweg zum Abschluss. Es gab weder Streikdrohungen noch Verhandlungsabbrüche.

Konfliktfrei blieben auch zwei Tarifverhandlungen, die im vergangenen Jahr mehrfach eskalierten: Die Konflikte zwischen den Piloten und den Flugbegleitern auf der einen und der Deutschen Lufthansa auf der anderen Seite. Für die Flugbegleiter konnte die im Januar begonnene Schlichtung Ende Juni erfolgreich beendet werden. Derzeit stimmen die Mitglieder der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (Ufo) in einer Urabstimmung über die endgültige Annahme ab. Bei den Piloten, für die die Vereinigung Cockpit (VC) schon seit dem Frühjahr 2012 um einen neuen Tarifvertrag ringt, laufen die Verhandlungen noch.

Im vergangenen Jahr krachte es nicht nur bei der Lufthansa mehrfach – die Konflikthandlungen summierten sich bei den Piloten auf 41 und bei den Flugbegleiterinnen auf 40 Punkte – sondern auch zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn (23 Punkte).

2015 ging es stärker zur Sache

Verhagelt wurde die Jahresbilanz 2015 aber erst durch zwei Großkonflikte:

1. Der Streit über die Auslagerung der Paketzustellung auf Regionalgesellschaften bei der Deutschen Post brachte es auf den Spitzenwert von 73 Konfliktpunkten.

2. Der Kampf der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di für eine bessere Bezahlung von Erzieherinnen und Sozialpädagogen summierte sich auf 48 Punkte.

Insgesamt fielen 2015 in den 14 ausgewerteten Tarifkonflikten 288 Konfliktpunkte an.

Diese Punktzahl setzt sich aus insgesamt 26 Streikdrohungen, neun Verhandlungsabbrüchen, 18 Streikaufrufen, 16 Warnstreiks, drei Schlichtungen, sechs juristischen Auseinandersetzungen, drei Urabstimmungen und neun Arbeitskämpfen zusammen. Pro Konflikt fielen 20,6 Punkte an.

Im ersten Halbjahr 2016 kam es in den elf analysierten Tarifkonflikten zu fünf Streikdrohungen, zwei Verhandlungsabbrüchen, zehn offiziellen Streikaufrufen und 12 Warnstreiks (wobei mehrere Warnstreiks zur gleichen Zeit in mehreren Tarifgebieten als einer zählen = bereinigt). Das ergibt insgesamt 87 Konfliktpunkte und je Konflikt 7,9 Punkte.

Im Vergleich der Tarifrunden seit 2006 ist dies ein moderater Wert. Noch friedlicher ging es nur 2008 mit 7,5 Punkten, 2010 mit 5,6 Punkten, 2012 mit 7,6 Punkten und 2013 mit 6,3 Punkten zu.

Die maximale Eskalationsstufe – die angibt, bis zu welcher der sieben Stufen ein Konflikt maximal eskaliert – lag im ersten Halbjahr 2016 im Schnitt bei 2,4 Punkten. Im vergangenen Jahr waren es 3,6 Punkte.

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