Lohnerhöhungen Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Tarif oder nicht Tarif

Früher galt in Deutschland das sogenannte Geleitzugverfahren: Meistens legte die M+E-Industrie als Schlüsselbranche einen Tarifabschluss vor, an dem sich dann mehr oder weniger alle anderen Branchen orientierten. Inzwischen hat sich die deutsche Tariflandschaft aber deutlich verändert.

Kernaussagen in Kürze:
  • Früher galt in Deutschland das sogenannte Geleitzugverfahren, doch inzwischen hat sich die deutsche Tariflandschaft deutlich verändert.
  • Von den Wirtschaftsbereichen weist der Energiesektor den größten Anstieg der tariflichen Monatsverdienste auf, nämlich mehr als 21 Prozent.
  • Wo Arbeitskräfte knapp werden, so zum Beispiel in der Pflege, müssen die Tarif- und Effektivlöhne langfristig steigen, damit ausreichend Personal angelockt werden kann.
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Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts sind die tariflichen Lohnerhöhungen von 2005 bis 2012 je nach Branche höchst unterschiedlich ausgefallen – vor allem zwischen Industrie und Dienstleistern hat sich eine Kluft aufgetan (Grafik):

Von den Wirtschaftsbereichen weist der Energiesektor den größten Anstieg der tariflichen Monatsverdienste auf. Dort legten die Tariflöhne um mehr als 21 Prozent zu.

Interessant ist, dass in diesem Wirtschaftszweig Firmentarifver­träge dominieren. Durch die Energiewende ist der Verteilungsspielraum bei den Energieversorgern aber kleiner geworden. Entsprechend schwierig gestaltete sich die diesjährige Tarifrunde, bei E.ON und RWE kam es so zu Warnstreiks und Urabstimmung.

Überdurchschnittlich zulegen konnte auch das Verarbeitende Gewerbe, in dem überregionale Branchentarifverträge – sogenannte Flächentarifverträge – die Regel sind. Im Schnitt gab es in der Industrie ein Lohnplus von 19,3 Prozent, allerdings mit einem großen Gefälle zwischen den einzelnen Branchen. Der Spitzenreiter chemische Industrie zahlte 2012 gut 21 Prozent mehr Lohn als 2005, gefolgt von den M+E-Branchen Elektroindustrie und Fahrzeugbau (je rund 20 Prozent). Am unteren Ende lag mit ​
9 Prozent die Druckindustrie, die strukturell unter der zunehmenden Digitalisierung der Medien leidet.

Im Dienstleistungssektor war die Lohndynamik schwächer als in der Industrie. Eine Erklärung dafür ist die höhere Kapitalintensität im Verarbeitenden Gewerbe: Sie sorgt für größere Produktivitätsgewinne und damit für mehr Verteilungs­spielraum.

Zudem ist die ohnehin geringere Tarifbindung in vielen Dienstleis­tungsbranchen rückläufig und es herrscht ein harter Lohnwettbewerb. Die Spanne der Tarifzuwächse reicht hier von 16 Prozent im Verkehrsgewerbe bis zu rund 11 Prozent im Gesundheits- und Sozialwesen.

Bei solchen Lohnvergleichen spielt die Tarifbindung eine wichtige Rolle. Weil viele Unternehmen vor allem bei gesuchten Fachkräften den Tariflohn noch aufstocken, nicht tarifgebundene Betriebe häufig nicht die Tariflohnerhöhungen übernehmen, weicht der Tariflohn des Öfteren vom tatsächlich gezahlten Lohn, also dem Effektivlohn, ab.

Dennoch lohnt sich ein Tariflohnvergleich, denn die unterschiedliche Branchendynamik kann zu Wanderungsbewegungen führen. Wo Arbeitskräfte knapp werden, so zum Beispiel in der Pflege, müssen die Tarif- und Effektivlöhne langfristig steigen, damit ausreichend Personal angelockt werden kann.

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