Streik-Geschehen ist weltweit im Wandel
In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten ist die Zahl der durch Streiks ausgefallenen Arbeitstage in Deutschland tendenziell gestiegen. Im internationalen Vergleich gehört die Bundesrepublik allerdings nach wie vor zu den Ländern mit den stabilsten Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
- Zwischen den 1980er Jahren und dem Zeitraum 2000 bis 2009 ist die Zahl der streikbedingten Ausfalltage in Deutschland stark gesunken, seither zeigt der Trend allerdings wieder nach oben.
- Im internationalen Vergleich verlaufen Tarifverhandlungen hierzulande gleichwohl nach wie vor relativ konfliktarm.
- Allgemeingültige weltweite Trends lassen sich nur bedingt ausmachen. Insgesamt zeigen sich in einer Mehrheit der analysierten Länder längerfristig ein Rückgang der Streiktage sowie eine Verlagerung der Streiktätigkeit in die Dienstleistungsbranchen.
Unterbrochene Produktionsketten, stillstehende Bahnen, geschlossene Kitas: Wenn Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen bestreikt werden, hat das für die Betroffenen teils nur nervige, teils aber auch sehr teure Auswirkungen.
Aufsehen erregen diese Arbeitskonflikte vor allem dann, wenn sie besonders lang und umfangreich sind. So fielen im Jahr 2015 insgesamt mehr als eine Million Arbeitstage in Deutschland aus – vor allem deshalb, weil sich bei der Deutschen Post ein Arbeitskampf über viele Wochen zog.
Solche Großkonflikte sind hierzulande aber nicht die Regel. Zudem zeigte der Trend der streikbedingten Ausfalltage über einen langen Zeitraum nach unten, wie die Daten der Bundesagentur für Arbeit verdeutlichen (Grafik):
Während in den 1980er Jahren im Schnitt mehr als 600.000 Arbeitstage pro Jahr durch Streiks und Aussperrungen ausfielen, waren es zwischen 2000 und 2009 nur noch knapp 150.000.
Seither hat sich die Zahl der jährlich durch Arbeitskämpfe verursachten Ausfalltage allerdings wieder mehr als verdoppelt – wenngleich die Streiks nach wie vor meist recht kurz sind und ihr Umfang – die Zahl der Streikenden je Betrieb – sich sogar verringert hat. Dabei dominieren Warnstreiks gegenüber unbefristeten Streiks.
Während in den 1980er Jahren in Deutschland im Schnitt mehr als 600.000 Arbeitstage pro Jahr durch Streiks und Aussperrungen ausfielen, waren es zwischen 2000 und 2009 nur noch knapp 150.000. Seither hat sich die jährliche Zahl der Ausfalltage allerdings wieder mehr als verdoppelt.
Dass die Verhandlungen über Tariflöhne und sonstige Arbeitsbedingungen hierzulande in der Regel vergleichsweise konfliktarm verlaufen, zeigt auch der Blick über die Landesgrenzen (Grafik):
Im Schnitt der Jahre 2010 bis 2024 fielen in Frankreich und Kanada je 1.000 Beschäftigte mehr als 100 Arbeitstage streikbedingt aus, in Deutschland waren es weniger als 9 Tage.
Dass Frankreich an der Negativspitze dieses Rankings steht, liegt unter anderem daran, dass Streiks dort ein gängiges Instrument sind, um politische Ziele durchzusetzen.
Generell wird in Südeuropa, den angelsächsischen und einigen skandinavischen Staaten mehr gestreikt als in Mittel- und Osteuropa. Ausschlaggebend für die Unterschiede sind unter anderem die jeweiligen politisch-institutionellen Rahmenbedingungen, also wie zum Beispiel der Gesetzgeber die Tarifpartnerschaft geregelt hat.
Die länderspezifischen Besonderheiten tragen auch dazu bei, dass sich kaum allgemeingültige Trends beim Arbeitskampfvolumen ausmachen lassen. Einige Befunde sind dennoch bemerkenswert:
Langfristige Entwicklung. Stellt man die Lage in den 1980er Jahren dem Zeitraum ab 2020 gegenüber, zeigt sich in einer Mehrheit der analysierten Länder ein (fast) kontinuierlicher Rückgang der Streiktage.
Am stärksten verringerte sich die Zahl der jährlich verlorenen Arbeitstage je 1.000 Beschäftigte in Spanien (von 640 auf 38), Neuseeland (von 484 auf 10) und Irland (von 380 auf 4).
In sieben Ländern, darunter Deutschland, verlief die Entwicklung dagegen unstetig. Auch wurde in einigen Ländern, die zuvor ein sinkendes Arbeitskampfvolumen verzeichneten, seit 2020 wieder mehr gestreikt – etwa in den USA, dem Vereinigten Königreich und Finnland. Ob dies eine Trendwende bedeutet, ist aber noch nicht abschätzbar.
Strukturwandel. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Anteil des Dienstleistungssektors an der Gesamtbeschäftigung weltweit zugenommen. Dies hat in einer Mehrzahl der untersuchten Länder auch dazu geführt, dass sich Streiks vermehrt in die Servicebranchen verlagern. In Dänemark, Japan, Norwegen, Portugal und dem Vereinigten Königreich war der Anteil der Ausfalltage, die im Dienstleistungssektor verzeichnet wurden, zuletzt sogar größer als dessen Beschäftigungsanteil. Es gibt aber auch Staaten, in denen sich das Arbeitskampfgeschehen nicht eindeutig in Richtung Servicewirtschaft verlagert hat – dies gilt beispielsweise für Finnland, Mexiko, die Niederlande, Polen, Schweden, die Schweiz und die Slowakei.
Streikumfang und -dauer. Hier sind die Zahlen je nach Land und Zeitraum ebenfalls sehr unterschiedlich. Während zum Beispiel Österreich in den Jahren 2000 bis 2009 im Schnitt auf mehr als 50.000 Streikende pro Ausstand kam – Grund waren drei Generalstreiks gegen eine Pensionsreform –, hatte in Deutschland, Japan und der Slowakei in jüngster Zeit jeder Streik im Schnitt weniger als 200 Teilnehmer.
Ebenso gab es auf der einen Seite Länder, wo in den zurückliegenden Jahren jeder Streikende im Schnitt mindestens fünf Tage lang im Ausstand war – in den USA waren es von 2000 bis 2009 sowie ab 2020 sogar mehr als 25 Tage. Auf der anderen Seite lag die durchschnittliche Streikdauer in einer Reihe von Staaten regelmäßig unter zwei Tagen. Neben Deutschland zählten dazu unter anderem Österreich, Portugal und die Slowakei.
Zudem lassen sich bei keinem der beiden Indikatoren klare Tendenzen im Zeitablauf erkennen, die für alle untersuchten Länder gelten.